Ein Lkw rast gegen einen Brückenpfeiler: Ist die Brücke jetzt einsturzgefährdet? Ein Haus ist abgebrannt: Tragen die Grundmauern noch, damit die Polizei im Gebäude die Spuren sichern kann? Man müsste durch Wände sehen können: Professor Christian Große und die Baufachberater vom Technischen Hilfswerk (THW) können das.
Kammer in der Cheops-Pyramide entdeckt
Es ist kalt und neblig auf der Plattform vor dem Lehrstuhl für zerstörungsfreie Prüfung der TU München. Große presst ein Gerät in der Größe eines Schuhkartons an eine graue Betonwand. Es ist ein Ultraschallgerät.
Mit Hilfe eines solchen Geräts hat er eine Kammer in der Cheops-Pyramide entdeckt. Ein Sensationsfund! "Zerstörungsfrei", also ohne ein Loch bohren zu müssen, hatte er hinter einer Steinwand etwas gefunden, das 4.500 Jahre lang verborgen gelegen hatte. Doch heute ist der Professor nicht von Archäologen umgeben, sondern von Baufachberatern vom THW.
Mit Ultraschall in die Wand schauen
Sie sind Kollegen: Bei Bränden werden die Baufachberater gerufen, um – wie Große – von außen die innere Statik des Gebäudes einzuschätzen. Ohne ihre Erlaubnis betritt die Spurensicherung der Polizei nicht den Brandort. Große hat die Berater eingeladen, um sich mit ihnen auszutauschen und ihnen den neuesten Stand der Forschung auf diesem Gebiet zu zeigen: wie dieses Ultraschallgerät, mit dem sich der Betonkern der Wand analysieren lässt.
Auf einem Bildschirm zeichnet sich der homogene Beton ab, für das geschulte Auge ist auch der innere Stahlträger erkennbar: "Es ist wie beim Arzt: Der Laie erkennt auf dem Röntgenbild auch erst einmal nichts, der Fachmann schon", sagt Große.
Auch andere Geräte ermöglichen Blick ins Wand-Innere
Ab ins Untergeschoss. In einem fensterlosen Labor führt er den THW-Baufachberatern weitere Geräte vor, zum Beispiel akustische Sensoren: Ein Sensor wird an der Innen- und ein zweiter an der Außenwand angebracht. Dann senden sie ein Signal aus und messen die Zeit, die es für den Weg zwischen den Sensoren benötigt. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde: Je schneller der Ton auf der anderen Seite ankommt, desto dichter und standfester ist die Mauer.
Die Einsatzgebiete für das zerstörungsfreie Prüfen sind vielseitig: Große misst die Stabilität von Brücken oder Tunneln. Manchmal fragt auch die Polizei seinen "Blick durch die Mauer" an: Wenn sie beispielsweise vermutet, dass hinter einer Mauer eine Leiche versteckt liegen könnte, dann sucht Große zum Beispiel mittels Radar nach möglichen Hohlräumen. Es sei immer der Mix der unterschiedlichen technischen Geräte und Methoden, der zum Erfolg führe, so Große.
Baufachberater: Jeder Einsatz ist anders
Aufgeschlossen hören die THW-Mitarbeiter ihm zu, wenn er von seinen Einsätzen berichtet und die unterschiedlichen Geräte vorführt. Die meisten von ihnen sind ebenfalls studierte Ingenieure. Anders als der Professor stehen sie bei ihren Einsätzen in der Regel unter größerem Zeitdruck, und sie haben nicht immer die neuesten technischen Mittel zur Verfügung. Aber sie haben viel Erfahrung, die sie mit Große diskutieren. Jeder Einsatz sei anders, sagt Martin Wohlfarth, Bauchfachberater des THW.
Professor untersucht auch Gebäude in der Ukraine
Christian Große untersucht auch die Stabilität von Gebäuden vor Ort in der Ukraine. Wenn eine Rakete ein Wohnhaus zerstört hat, können durch die Stoßwelle auch angrenzende Gebäudeteile destabilisiert sein, ohne dass dies äußerlich ersichtlich ist. Mit geschädigter Tragstruktur kann ein Haus zu einer tödlichen Falle werden, warnt Große, und fügt hinzu, dass dennoch viele einsturzgefährdete Gebäude in der Ukraine genutzt werden müssen, aus Mangel an Alternativen.
Das Ukraine-Szenario: In Deutschland hätte in einem Kriegsfall das THW die Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen. Und Gebäude auf ihre Statik zu prüfen, nach einem Angriff. Ein solches Szenario sei für ihn persönlich heute präsenter als früher, sagt THW-Baufachberater Martin Wohlfarth aus München. Aber grundsätzlich habe er es auch früher schon immer mitgedacht. Bislang sind die ehrenamtlichen Baufachberater des THW nicht in der Ukraine aktiv. Wenn die Angriffe einmal ruhen werden, könnte sich das ändern. Der Austausch mit dem Forscher der Universität habe jedenfalls viele neue Impulse gebracht.
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