Vier Tage nach der Wahl tritt Armin Krämmer vor die Presse. Wie geht es weiter, mit dem öffentlich düpierten Bürgermeister? Die Gemeinde Chiemsee ist die kleinste Gemeinde Bayerns, sie teilt sich das Rathaus auf dem "Festland" als Verwaltungsgemeinschaft mit anderen Gemeinden.
Das Gemeindegebiet besteht aus drei Inseln: Herrenchiemsee mit dem berühmten Schloss, die unbewohnte Krautinsel und Frauenchiemsee. Dort ereignete sich am Wahlsonntag eine Skurrilität: Krämmer trat zur Wiederwahl an und erhielt keine Mehrheit – obwohl es keinen offiziellen Gegenkandidaten gab. Stattdessen schrieben Bürger alternative Namen von "Insulanern" auf ihre Wahlzettel. Dies ist bei Kommunalwahlen möglich. Und Krämmer kam nur noch auf 47 Prozent.
Protest-Stimmung nicht erkannt?
Der 51-Jährige wirkt zerknirscht. Normalerweise ist die Aufstellungsversammlung im Vorfeld einer Wahl der Moment, in dem Kandidaten ernannt werden, oder eben durchfallen. Auf der Fraueninsel war das offensichtlich anders. Krämmer wurde offiziell aufgestellt, offenbar aber nur mit einer knappen Mehrheit. Ein deutliches Signal, hört man von Kritikern, die aber nicht namentlich zitiert werden wollen.
Bis zur Wahl hat sich offensichtlich unter den Kritikern des Bürgermeisters herumgesprochen, wie man Protest in der Wahlkabine ausdrücken kann, ohne dass Stimmen als ungültig gewertet werden. Nämlich indem ein alternativer Kandidat notiert wird. Und Protestpotential gab es offenbar genug.
Fraueninsel mit besonderen Herausforderungen
Die Inseln auf dem Chiemsee sind nicht nur landschaftlich und kulturell eine große Besonderheit. Sie sind es auch aus verwaltungstechnischer Sicht: Die Fraueninsel ist die einzige Insel in Bayern mit einer dörflichen Struktur: Wirtshäuser, Dorfladen, das Kloster, viele Häuser und kleine Ferienwohnungen. Mit Bauhof und einem Fährdienst. Sie gehört zum Landkreis Rosenheim, der Chiemsee hier aber zum Landkreis Traunstein. Es gibt zuweilen unklare und doppelte Zuständigkeiten, wenn es um typische kommunale Entwicklungsfragen geht.
Außerdem muss die Schlösser- und Seenverwaltung und damit der Freistaat bei vielen Fragen eingebunden werden, die beispielsweise den Denkmalschutz betreffen. Und dann hat die Insel ein starkes Eigenleben. Das ist spürbar an jeder Ecke und auch in Gesprächen.
Unzufriedenheit auf der Insel
Schwester Scholastika lebt seit 41 Jahren auf der Fraueninsel. Geboren ist sie in Schottland, heute sei sie mit Leidenschaft "Insulanerin", sagt sie. Sie wüsste vermutlich sehr viel, aber hält sich mit Auskünften zurück.
Auf der Insel kenne jeder sogar "die Schuhgröße und die Zahnprothese" des Nachbarn, sagt sie mit leichtem britischem Akzent. Aber wie konnte es so weit kommen, dass der amtierende Bürgermeister Krämmer öffentlich demontiert wurde? "Die Insel ist eine kritische Gemeinde: Irgendjemand meint immer, er könne es besser."
Zurückhaltung bei Lanzinger
Krämmer verfehlte die Mehrheit um sieben Stimmen. Die meisten handgeschriebenen Stimmen erhielt so Michael Lanzinger. Lanzinger lebt auf der Insel, und arbeitet am Festland, wie viele "Insulaner". Er hat entschieden, nicht gegen den Bürgermeister in der Stichwahl anzutreten. Das Votum am vergangenen Sonntag sei kein Votum für ihn gewesen, sondern eher ein Protest gegen Krämmer.
Am besten fange man jetzt ganz von vorne an. Zu den Unstimmigkeiten will er sich nicht äußern, kein Öl ins Feuer gießen. Dennoch vermittelt sich das Bild: auf der Fraueninsel geht ein tiefer Riss durch eine sehr enge Gemeinschaft.
Bürgermeister in schwieriger Rolle
Wer den Bürgermeister offen kritisiert, ist Georg Klampfleuthner. Er führt eine Töpferei auf der Insel. Klampfleuthner sagt, das Problem sei im Kern gewesen, dass der Bürgermeister zwar ein gebürtiger Insulaner sein, aber heute nicht mehr auf der Insel wohne. Eine Distanz zu den Insulanern, kein Ohr am Mitbürger. Die These: Viele wollten Krämmer in der Wahlkabine einen Denkzettel verpassen – dass das Votum unter 50 Prozent Zustimmung fiel, sei unbeabsichtigt in dieser Härte ausgefallen.
Man hört auch Positives über den Bürgermeister: Er sei engagiert, sei viele Probleme angegangen. Für viele konkreten Probleme gebe es eben oft keine schnellen Lösungen "von der Stange", weil die Fraueninsel in dieser besonderen Situation ist. Sucht man beispielsweise nach Fördermöglichkeiten für eine neue Fähre werde man schnell von Pontius zu Pilatus geschickt, weil es in den Ämtern und Ministerien keine klaren Zuständigkeiten gebe.
Krämmer will Bedenkzeit
Also sagt Krämmer vor der Presse, dass er tief enttäuscht sei von dem Wahlergebnis. Der Bürgermeister habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, dass er stets das Beste für die Insel und die Insulaner zu erreichen wollte. Ob er weiterhin sich als Kandidat sieht, wolle er in den nächsten Wochen entscheiden, in Abstimmung mit seiner Familie.
Wichtig sei auch, welche Rückmeldungen nun aus der Bevölkerung an ihn herangetreten werden. Es wirkt so, als kenne auf der Insel zwar jeder jeden. Aber über Konflikte müsse nun endlich konstruktiv gesprochen werden.
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