Die meisten Niederbayern sitzen morgens im Auto. Julia Gais sitzt im Sattel: Neonweste, Helm, Klickpedale. Sie hat 60 Kilometer Hin- und Rückweg vor sich – und die sind zum Teil wirklich gefährlich.
Auf Umwegen zur Arbeit
Gais radelt jeden Tag von Waldkirchen nach Passau zu ihrer Arbeit an einer Schule – Radwege gibt es hier kaum. Der schnellste Weg wäre über die B12 – doch die ist tabu. "Als Radfahrer überlebt man dort nicht lange", sagt sie. Die Straße ist verkehrsreich und hat bayernweit die meisten Verkehrstoten.
Deshalb fährt Gais auf Umwegen. Aber auch die sind gefährlich, etwa ein Abschnitt auf der Staatsstraße zwischen Waldkirchen und Büchlberg. Gais nennt ihn "die Todeszone". Hier ist viel Berufs- und Handwerkerverkehr unterwegs. Leitplanken, die Autofahrer vor dem Abstürzen schützen, können für Radfahrer zur Falle werden – weil sie nicht ausweichen können. "Ich hatte mehrere Situationen, wo neben mir zwei Fahrzeuge fuhren und ich mich mit Müh und Not zur Seite gequetscht habe, um nicht überfahren zu werden", sagt Gais. Und das, obwohl Autofahrer eigentlich einen Zwei-Meter-Sicherheitsabstand einhalten müssen.
Auto vs. Radfahrer
Als Radl-Pendlerin im Bayerischen Wald ist Julia Gais eine Ausnahme. Nur sechs Prozent ihrer Wege legen die Niederbayern mit dem Rad zurück. Weniger als in allen anderen Bezirken Bayerns. Dagegen steigt in Niederbayern die Autodichte weiter an und übertrifft mit 684,5 Autos auf 1.000 Einwohner alle anderen Regierungsbezirke. Auch bayern- und deutschlandweit stagniert der Radverkehrsanteil seit Jahren bei elf Prozent. Dabei ist mehr Radverkehr seit Jahrzehnten Ziel der Landes- und Bundespolitik.
Der aktuelle Plan der bayerischen Staatsregierung: Bis 2030 möchte sie den Radverkehrsanteil auf ein Viertel anheben. Das vorherige Ziel – ein Anteil von 20 Prozent bis 2025 – wurde krachend verfehlt.
Und doch hat das Radgesetz in Bayern seit 2023 etwas bewirkt. 600 Kilometer Radwege seien gebaut worden, heißt es aus Bayerns Verkehrsministerium. Doch wo diese genau liegen, weiß das Ministerium nicht. Eine bayernweite Erfassung wäre unverhältnismäßig aufwendig, schreibt ein Sprecher.
Kampf um bessere Rad-Infrastruktur
Einen frisch eröffneten Radweg gibt es etwa zwischen Osterhofen und Niedermünchsdorf. Abgesehen von ein paar Mankos (Radweg endet abrupt, Kreisverkehr für Radfahrer unsicher), sei er vorbildlich, meint Bernd Sluka vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). "Schön breit, mit Sicherheitsstreifen und genug Abstand zur Autostraße". Aber aus Slukas Sicht hätte man das Geld besser in einen anderen Radweg investiert. "Es gibt bereits eine kleine Straße, auf der man über Mühlham nach Langenisarhofen fahren kann – für Radfahrer ideal."
Sluka kämpft seit Jahrzehnten für eine bessere Rad-Infrastruktur. Die meisten Radwege in Niederbayern seien touristisch oder zu kurz. "Zusammenhängende Netze fehlen größtenteils." Ebenso die Alltagstauglichkeit. "Dafür müssten die Radwege rund um die Uhr befahrbar sein, stellenweise beleuchtet, eine ebene Oberfläche haben und im Herbst und Winter geräumt werden", sagt er. Wie Autostraßen eben.
"Einfach und kostenlos"
Kein Einzelfall: Wenn Radwege gebaut werden, dann oft an Orten, an denen sie eher weniger gebraucht werden, ergab die Recherche des Bayerischen Rundfunks. Oder so, dass sie die Sicherheit nicht erhöhen. Ein flächendeckender, sicherer Radwegeausbau ist aufwendig, teuer und gehe in der politischen Großwetterlage oft unter, erzählen uns Radbeauftragte aus verschiedenen Städten.
Dabei wäre eine Lösung aus Sicht vieler Rad-Aktivisten einfach und kostenlos: Tempo 30 in Städten. "Mit 30 km/h trauen sich die meisten Radfahrer einfach auf der Fahrbahn mitzufahren. Für wichtige Verkehrsadern kann man Ausnahmen definieren." Sluka ist sich sicher: "Man hätte viel mehr Radfahrer und es würde insgesamt den Verkehr sicherer machen."
Trügerische Sicherheit
Nach etwa einer Stunde ist Julia Gais in Passau angekommen. Erst kurz vor dem Ziel gibt es ein paar ausgewiesene Radwege, die zwischen Ilzstadt und Altstadt in den Georgsbergtunnel münden, der extra für Radfahrer und Fußgänger gebaut wurde.
Das sei zu wenig, findet Gais. "Durch halbherzig ausgebaute Fahrradwege entsteht eine trügerische Sicherheit – für Autofahrer und Radfahrer. Das ist keine echte Sicherheit", sagt sie.
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