Behutsam streicht Laura ein paar Blätter zur Seite, dann setzt die 30-Jährige die Schere an und schneidet ihre ersten Weintrauben. Jemals. Denn die Kanadierin aus Montreal ist eigentlich im Marketing für IT tätig. Im Sommer hat sie gekündigt und ist seitdem auf Weltreise. Aktueller Stopp: Weinlese im unterfränkischen Iphofen.
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Körperlich arbeiten statt am Schreibtisch
Mit ihr lesen neben Winzer Andi Weigand zwölf weitere Helferinnen und Helfer zwischen 25 und 43 Jahren. In diesem Jahr kommen sie aus Korea, Schweden, den USA oder Mexiko. Laura sagt: "In meinem Job gibt es nur mich und meinen Computer. Ich rede schon mit anderen Leuten, aber nur online." Sie sei hier, um Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen und um in der Natur zu sein.
Zahlen für die Weinlese – statt bezahlt zu werden
Natur findet Laura zwischen Rebstöcken, Weinbergen und wechselndem Wetter reichlich. Nach knapp drei Stunden endet der erste Tag der Weinlese, für das Team geht es jetzt in den Weinkeller. Denn auch das gehört zur Weinlese dazu: die Trauben entkernen, sie nachsortieren, pressen und Fässer putzen.
Für das Erlebnis Weinlese sowie für Unterkunft und Verpflegung zahlen die Teilnehmenden. Wie viel genau? Das will Winzer Weigand nicht sagen. Auch die Helferinnen und Helfer schweigen dazu. Während andere Weingüter händeringend nach Erntehelfern suchen, geht es Weigand jedenfalls ganz anders.
Mehr Erntehelfer als gebraucht
Er weiß, dass er sich in einer privilegierten Situation befindet. Der Winzer sagt: "Ich habe hier mehr Anfragen von Leuten, die hier arbeiten möchten während der Weinlese, als ich bedienen kann. Du musst natürlich etwas bieten und weitergeben. Ich glaube, wir machen es auch gut, das heißt, es spricht sich rum." Anderen Winzerinnen und Winzern würde er das nur empfehlen, wenn sie Lust auf viele Menschen haben und darauf, ihr Wissen weiterzugeben.
Im Video: BR24 vor Ort hat begleitet, wie Laura aus Montreal und ein mexikanischer Anwalt bei der Weinlese mit anpacken
"Wine & Travel" findet bei Bio-Winzern Anklang
Weigand stellt naturtrübe Bio-Weine her, den Großteil seines Weins verkauft er ins Ausland. Oft stellt er bei Reisen seinen Wein vor, so hat er auch Laura in Kanada kennengelernt. Weigand sagt, viele Anfragen für die Lese kämen über Instagram. Er nehme die, die sich zuerst melden. Und habe bisher immer gute Erfahrungen damit gemacht. In seiner "Bubble" der Bio-Winzer gibt es auch noch andere, die eine Art "Wine & Travel" anbieten, sagt der 35-Jährige.
Erntehelfer bedeuten bürokratischen Aufwand
Franken ist mit über 6.200 Hektar Rebfläche das größte Weinanbaugebiet im Freistaat. Rund 2.800 Winzerfamilien gibt es hier. Laut Fränkischem Weinbauverband war es in diesem Jahr durch den besonders frühen Start der Lese noch einmal schwieriger für Winzerinnen und Winzer, Aushilfskräfte anzustellen. Weigand hat seit Ende August gelesen, noch mitten in den Sommerferien.
Außerdem ist "der Einsatz von Saisonarbeitskräften aus dem EU-Ausland für Weingüter gelegentlich mit rechtlichen Unsicherheiten verbunden", so der Fränkische Weinbauverband. Dabei gehe es oft um bürokratische Hürden wie die korrekten Sozialversicherungsbeiträge.
Winzer: "Du brauchst Leute, die dir helfen"
Aufgrund des aktuellen Fachkräftemangels würden immer mehr Betriebe in Franken dazu übergehen, mit Vollerntern, also mithilfe von Maschinen, zu lesen. Das kommt für Weigand nicht in Frage, er liest bewusst mit der Hand. Für ihn sind die Helfer unverzichtbar: "Zehn Hektar bewirtschaften wir, ich kann es nicht alleine von Hand lesen. Wenn du mit der Maschine lesen würdest, wäre das was anderes. Aber wenn du alles von Hand liest, brauchst du Leute, die dir helfen", sagt der gelernte Winzer.
Tagsüber arbeiten, abends feiern
Neben Weinlesen und Arbeiten im Keller kommt in Iphofen der Spaß nicht zu kurz. Nach der Arbeit spielt das Team oft Tischtennis. Es wird gefeiert. Jeden Abend gibt es ein Wine-Tasting mit Fragerunde. Die Kanadierin Laura genießt die Gemeinschaft, die sie sich oft gewünscht hat: "Ich bin eher eine Einzelgängerin, ich habe als Kind auch sehr lange Individualsport gemacht. Ich habe nie so richtig reingepasst, auch auf der Arbeit. Ich war immer eher alleine." Für sie geht es nach der Weinlese zum Apfelernten nach Dänemark, für ein weiteres "Work & Travel"-Erlebnis.
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