Am Morgen nach dem tödlichen Arbeitsunfall am Fahrgeschäft "Hangover" ist Schaustellerseelsorger Sascha Ellinghaus auf der Wiesn unterwegs. Montagabend war dort ein 52-jähriger Security-Mitarbeiter ums Leben gekommen. Ellinghaus war beim Unfall selbst nicht dabei. Später will er Kontakt zur betroffenen Schaustellerfamilie suchen – ohne Journalisten im Schlepptau. Als Seelsorger stehen für ihn die Angehörigen im Mittelpunkt.
Seelsorge beginnt manchmal erst einige Volksfeste später
Für die unmittelbare Betreuung nach einem Unglück seien Rettungsdienste und Kriseninterventionsteams da, sagt Ellinghaus. Seine Aufgabe komme oft später: "Seelsorge ist ja nicht nur die Momentaufnahme in einem Unglücksfall." Manchmal werde sie gerade dann wichtig, wenn die Schausteller schon "zwei, drei Feste weitergegangen" sind, es ruhiger wird und die Erinnerungen wieder hochkämen. Dann könne es guttun, wenn er kommt, sich dazusetzt und fragt: "Wie geht es dir?"
Auch unter den Schaustellern wirkt der Unfall nach. Sonja Eckl, selbst Schaustellerin, sagt, der Tod hinterlasse Spuren, obwohl viele den Verstorbenen gar nicht gekannt hätten. "Das geht uns allen sehr nah." Schließlich wollten sie den Menschen eigentlich Spaß, Freude und eine Auszeit vom Alltag geben. Wenn ausgerechnet dort ein Mensch stirbt, mache das betroffen. In der Branche hält man zusammen, sagt Eckl: "Wir sind Mitbewerber. Wir sind keine Konkurrenten."
Seit fast 25 Jahren mit den Schaustellern unterwegs
Genau diese Gemeinschaft begleitet Ellinghaus seit Jahren. 2002 begann er in der Circus- und Schaustellerseelsorge, seit 2014 leitet er den Bereich bundesweit. Die besondere Seelsorge gibt es seit rund 70 Jahren. Weil Schausteller ständig unterwegs sind, kommt die Kirche zu ihnen: auf Volksfeste und Festplätze. Dort gibt es Gottesdienste, Taufen, Firmungen und sogar Hochzeiten.
Wie nah dabei Freude und Trauer beieinanderliegen können, zeigt sich nicht nur bei Unfällen, sondern auch an einem Stand mit gebrannten Mandeln, Popcorn und Magenbrot. Cornelia Herfort-Pedersen hat gerade alle Hände voll zu tun. Dennoch tritt sie neben ihren Stand, streicht ihren Rock glatt und wartet auf Ellinghaus.
Stand-Segnung auf dem Oktoberfest – für die verstorbene Mutter
Herfort-Pedersen lässt ihren Stand in diesem Jahr erstmals segnen. Ihre Mutter ist im vergangenen Jahr gestorben. Seit ihrem 18. Lebensjahr hatte sie das Geschäft mit ihr gemeinsam betrieben. "Ich dachte mir einfach, das ist eine schöne Idee in ihrem Gedenken", sagt sie.
Ellinghaus legt sich eine goldglitzernde Stola um den Hals und nimmt sein Gebetbuch zur Hand. Mitten zwischen Hau-den-Lukas und Geisterbahn wird es für einen Moment ruhig. Er betet mit Herfort-Pedersen und ihrem Mann, besprenkelt den Stand mit Weihwasser und spricht über den Verlust der Mutter. Am Ende schenkt Ellinghaus der Schaustellerin ein Kreuz und ein Kärtchen mit einem Gebet speziell für Schausteller. "Kommt in meinen Geldbeutel", sagt Herfort-Pedersen.
Gedenken beim Wiesn-Gottesdienst
Beim traditionellen Wiesn-Gottesdienst am Donnerstag wurde auch des tödlich verunglückten Mitarbeiters gedacht. Für Ellinghaus gehört beides zu seiner Arbeit: gemeinsam feiern und da sein, wenn das Leben plötzlich schwer wird.
Am Mandelstand liegen sich Herfort-Pedersen und Ellinghaus zum Abschied gerührt in den Armen. Dann packt sie wieder bei ihren "Kerndln" an. Ihr Mann dübelt das kleine Kreuz an die Holzvertäfelung des Standes. Und Sascha Ellinghaus zieht weiter über die Wiesn – und schaut, für welche Seele er jetzt sorgen kann.
Im Video: Tödlicher Unfall beim Freifall-Turm "Hangover" auf dem Oktoberfest
Der Freifall-Turm "Hangover" auf dem Münchner Oktoberfest bei Nacht.
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