Zehn Jahre ist es her, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge am 25. August 2015 die sogenannte Dublin-Verordnung für Flüchtlinge aus Syrien aussetzte. Zu der Zeit war nicht absehbar, welche gesellschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen auf Deutschland zukommen würden. Mehr als eine Million Geflüchtete kamen in den Jahren 2015 und 2016 – und mit ihnen die Verantwortung, sie menschenwürdig unterzubringen, zu versorgen und zu integrieren. Am 31. August sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Satz "Wir schaffen das", der zur Chiffre einer Epoche wurde. Zehn Jahre später lohnt ein Blick dorthin, wo Integration ganz konkret passiert: in die Kommunen.
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Heterogene Stimmung
Denn es sind Städte und Gemeinden, die am Ende dafür sorgen, dass Geflüchtete eine Wohnung, eine Schule, einen Sprachkurs und einen Arbeitsplatz finden. Die Aufgaben sind vielfältig – und die Erfahrungen unterschiedlich. Der bayerische Städtetag möchte sich bei dem Thema nicht positionieren, weil die Haltungen der Kommunen zu heterogen sind.
Eine bundesweite Befragung des Berliner Sozialforschungsinstituts DESI aus dem Frühjahr 2025 gibt einen Eindruck vom Stimmungsbild. Knapp 600 Kommunen, viele aus Bayern, nahmen teil. Das Ergebnis: Fast jede zweite Kommune (46,8 Prozent) beschreibt die Lage als "herausfordernd, aber machbar". Doch rund ein Drittel (34,6 Prozent) sieht sich im "Krisenmodus".
Blick in die Kommunen – fünf Stimmen, fünf Perspektiven
David Runschke, Integrationslotse aus dem Landkreis Tirschenreuth, zieht ein vorsichtig positives Fazit: "Ja, wir haben es geschafft – unter Vorbehalten. Schwierigkeiten gibt es immer." In den Bereichen Sprache, Bildung und Arbeit habe sich viel bewegt. Die Bundes- und Landesförderungen hätten geholfen, gerade beim Spracherwerb und der Schulintegration. Und: "Wir haben jetzt Abiturienten, die ab 2015 zugewandert sind." Die größte Baustelle bleibe der Wohnungsmarkt – vor allem im ländlich-zersiedelten Raum.
Auch Stefan Floerecke (CSU), Bürgermeister im oberbayerischen Emmering bei Fürstenfeldbruck, sieht die Entwicklung überwiegend positiv. "Im Großen und Ganzen haben wir das in Emmering ganz gut hingekriegt", sagt er. Entscheidend sei die Haltung der eigenen Bevölkerung gewesen: "Man muss viel erklären – warum kommen Geflüchtete, wie viele, wieso gerade zu uns?" Mit einem starken Helferkreis sei vieles gelungen. Trotzdem bleibe die Suche nach Wohnraum schwierig – und auch die Arbeitsmarktintegration stoße durch langwierige Anerkennungsverfahren an Grenzen.
Eine besondere Rolle nimmt Bamberg ein: Die Stadt beherbergt das oberfränkische Ankerzentrum, das als Erstaufnahmeeinrichtung für 1.200 bis 2.800 Menschen fungiert und einen Streit um die Verlängerung sowie Anwohnerkonflikte mit sich brachte. Dafür hat Bamberg aber keine klassischen Integrationsaufgaben wie andere Städte, weil sie keine Zuweisungen erhält. Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) lobt dennoch die Leistungen der Kommunen insgesamt: "Viele Städte und Landkreise haben in den letzten zehn Jahren Hervorragendes geleistet – auch wenn sie an Belastungsgrenzen gestoßen sind."
Anders fällt das Fazit in Deggendorf aus. Landrat Bernd Sibler (CSU): "Ich würde es mit einem klaren Nein beantworten, weil wir nach wie vor große Schwierigkeiten haben." Die Ankereinrichtung im Ort bringe Belastungen für Verwaltung und Kinderbetreuung mit sich. Mit dem Beginn des Ukrainekriegs 2022 sei der Bedarf an Wohnraum, Schulplätzen, Kindergärten und ärztlichen Strukturen noch einmal mehr angestiegen. Er nennt Überforderung in Teilen der Bevölkerung und verweist auf einen deutlich erhöhten AfD-Wähleranteil im Landkreis.
Auch Schweinfurt nennt Herausforderungen – und Fortschritte. Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) zieht eine gemischte Bilanz: "Wir haben viele neue Strukturen geschaffen, aber viele Kommunen sind an Grenzen gekommen." Auch in seiner Stadt sei das naheliegende Ankerzentrum eine "Herausforderung für den sozialen Frieden": Insbesondere junge Männer mit geringer Bleibeperspektive belasteten das gesellschaftliche Klima. "Was diesem Land gut täte, auch den Migranten, die schon hier sind, wäre eine Atempause", sagt Remelé.
Vielschichtige Erfahrungen der Städte
Die Rückblicke zeigen: "Wir schaffen das" ist kein Satz mit einer einfachen Antwort und Integration ein komplexer Prozess. Er hängt ab vom politischen Willen, finanziellen Ressourcen, gesellschaftlicher Akzeptanz – und auch von Glück und Zufall auf lokaler Ebene.
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