Mitten im Müllheizkraftwerk Schwandorf klafft eine riesige Baulücke. Wo bis vor wenigen Monaten noch zwei der vier Verbrennungsöfen standen, ragen heute Bohrpfähle aus dem Boden. Bevor der eigentliche Neubau des Müllkraftwerks beginnen konnte, mussten zunächst zwei der alten Ofenlinien herausgetrennt werden. Das Besondere bei diesen Abrissarbeiten: Nur wenige Meter daneben wird weiterhin Restmüll verbrannt - heißt: Das Müllkraftwerk arbeitet weiter.
Abriss und Umbau während laufendem Betrieb
Also Abriss und gleichzeitig zur selben Zeit hunderte Tonnen Müll verarbeiten? Kann das überhaupt klappen? Es ist ein schwieriges Unterfangen - Konrad Rieger verantwortet den Umbau.
Das ist eine Riesen-Herausforderung. Wir machen eine Operation am offenen Herzen. Wir arbeiten mitten in einer unter Volllast laufenden Anlage. Konrad Rieger, Technischer Leiter
Dabei hätte es nicht gereicht, einfach die alten Ofenlinien nur zu sanieren. Die Kessel sind einfach "zu sehr ausgelutscht", sagt Rieger.
Von den vier Ofenlinien des Müllheizkraftwerks Schwandorf stammen drei aus den 1980er-Jahren. Sie werden ausgetauscht. Dafür wurden in den vergangenen Monaten in einem ersten Schritt zwei Ofenlinien abgerissen. Über die gut 40 Jahre seien in den Ofenlinien acht Millionen Tonnen Müll verbrannt worden. Damit seien die Öfen einfach zu sehr in die Jahre gekommen. Sie werden bis 2028 durch eine neue ersetzt. Der Austausch der dritten Ofenlinie erfolgt bis 2031.
Seit Ende vergangenen Jahres haben Spezialfirmen tonnenschwere Stahlkonstruktionen mit Schneidbrennern zerleget. Zwei vor Ort extra montierte Großkräne hoben dann die Bauteile der Ofenlinien aus dem Kraftwerk heraus. Selbst für den Technischen Leiter war der Rückbau beeindruckend: Aus dem massiven Gebäudekomplex sei "wie aus einem Monolithen" ein ganzer Block herausgeschnitten worden.
Tonnenweise Müll während der Umbau läuft
Während der Abbruch in vollem Gange ist, laufen der Betrieb und der Alltag im Müllbunker weiter. An fünf Tagen die Woche wird hier tonnenweise Müll angeliefert. Einer, der dafür zuständig ist: Wolfgang Seidel, Kranführer im Müllbunker. Er muss den angelieferten Müll zu den Trichtern der Ofenlinie bewegen. Im Müll ist alles mögliche enthalten, sagt Seidel. Das geht von Hausmüll über Matratzen, Autoreifen, Spielzeug bis zu Holz.
Und auch wenn daneben der Umbau läuft: Kranführer Seidel muss immer auf die richtige Müll-Mischung achten, die er zum Kessel bewegt.
Da braucht es Sitzfleisch und ja konzentriert bleiben bei der Arbeit, aufpassen, dass nichts passiert. Wolfgang Seidel, Kranführer Müllbunker
Er muss zum Beispiel auf mögliche Brände im Müllbunker achten - ausgelöst durch falsch entsorgte Akkus oder Batterien zum Beispiel. In einem solchen Fall müsste die Werksfeuerwehr anrücken.
Im Video: Riesen-Abriss mit dem Riesen-Kran
Ziel: Müll-Entsorgung sicherstellen
Mit dem Projekt "Triphönix" investiert der Zweckverband Müllverwertung Schwandorf (ZMS) nach eigenen Angaben rund 430 Millionen Euro in die größte Modernisierung seit das Kraftwerk Anfang der 1980er-Jahre in Betrieb gegangen ist. Ziel des Zweckverbands sei es, die Müll-Entsorgung langfristig sicherzustellen und gleichzeitig noch effizienter Energie gewinnen zu können.
Abfälle aus zwei Millionen Haushalten landen in Schwandorf
Die Bedeutung des Müllkraftwerks geht weit über den Raum Schwandorf hinaus. Im Müllheizkraftwerk werden im Regelbetrieb jedes Jahr rund 450.000 Tonnen Abfälle von fast zwei Millionen Menschen verbrannt - Rest- und Sperrmüll. Dazu kommt Gewerbemüll. Ein Großteil gelangt per Bahn nach Schwandorf. Hier wird der Müll zunächst in einem Bunker zwischengelagert und anschließend mithilfe von Greifkränen in die Verbrennungsöfen befördert. Der Müllzweckverband ist nach eigenen Angaben flächenmäßig einer der größten in ganz Deutschland. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über Teile Oberfrankens, die Oberpfalz und Teile Niederbayerns. Während des Umbaus werden etwa 100.000 Tonnen Müll zu anderen Kraftwerken in Deutschland umgeleitet und dort verbrannt.
Aus Müllverbrennung Energie gewinnen
Die bei der Verbrennung entstehende Hitze wird gleich mehrfach genutzt. Sie erzeugt Dampf, der Turbinen antreibt und Strom produziert. Außerdem wird Prozessdampf an die Industrie geliefert. Gleichzeitig entsteht aus der Müllverbrennung Wärme, die als Fernwärme an Unternehmen und Haushalte abgegeben wird. Seit rund 30 Jahren ist das Müllkraftwerk Wärmequelle für die Kunden der Städtischen Wasser- und Fernwärmeversorgung Schwandorf. Über eine 50 Kilometer lange Leitung wird Heißwasser zum Abnehmern transportiert und abgekühlt wieder zurück ins Müllkraftwerk geleitet, wo es erneut aufgeheizt wird und in den Kreislauf zurückgegeben wird. Hauptkunden sind etwa das Erlebnisbad Schwandorf, das Krankenhaus und die Berufsschule.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
