Zwölf Jahre lang hat der Münchner Alpinist David Göttler versucht, den 8.126 Meter hohen Nanga Parbat in Pakistan zu besteigen. Dass es im sogenannten Alpinstil sein sollte, machte es umso schwieriger. Großer Expeditions-Tross, Hochträger, vorab eingerichtete Lager oder gar Flaschensauerstoff - all das war für Göttler tabu. Er wollte den neunthöchsten Berg der Welt nur mit dem besteigen, was in den eigenen Rucksack passt. Im Juni 2025 war es dann so weit: Göttler erreichte den Gipfel des Nanga Parbat - und krönte seinen Erfolg mit einem Gleitschirmflug zurück ins Basecamp.
Durchhaltevermögen und Motivation: Wann wird ein Ziel zur Obsession?
Sechs von 14 Achttausendern hatte er bereits erfolgreich bestiegen, allesamt im Alpinstil und ohne Flaschensauerstoff. Sein siebter Achttausender, der Nanga Parbat wurde zu einer besonderen Prüfung. Über zehn Jahre hinweg reiste Göttler immer wieder nach Pakistan. Vier Versuche auf den Gipfel zu kommen, scheiterten. Doch der "Schicksalsberg der Deutschen", an dem seit fast hundert Jahren immer wieder deutsche und deutschsprachige Bergsteiger Geschichte schrieben, ließ Göttler nicht in Ruhe. "Ich hatte immer ein positives Gefühl bei diesem Berg und das Gefühl, dass ich zu ihm zurück will."
Ein positives Gefühl zu einem Ziel zu haben, um durchhalten zu können - das hilft bei der Motivation, um scheinbar Unmögliches zu schaffen. Doch wann wird aus Motivation Obsession? Psychologin, Journalistin und Bergsteigerin Rabea Zühlke sieht in Obsessivität etwas, das ungesunde Züge annimmt: "Wenn ich krankhaft an etwas festhalte und meine ganzen Gedanken davon getrieben sind. Wenn es nicht nur ein Wunsch ist, sondern das Ziel belastend wird."
Fehlinvestitionsfalle: nicht aufgeben, weil zu viel investiert wurde
Zur Obsession kann zusätzlich auch noch die sogenannte "Sunk-Cost-Fallacy" kommen, in der Psychologie auch bekannt als "Fehlinvestitionsfalle". Dahinter steckt ein Denkfehler aus der Verhaltensökonomie. Ein Projekt oder ein Ziel wird unter allen Umständen durchgezogen, weil schon so viel Mühe, Zeit und Geld investiert wurde. "Man bindet sich natürlich auch emotional," sagt Rabea Zühlke. "weil man nicht aufgeben kann und schon zu viel investiert hat."
Eine Art emotionale Bindung zum Nanga Parbat hat auch David Göttler entwickelt. Als obsessiv oder zwanghaft würde er sich und sein Vorhaben jedoch nicht beschreiben. "Ich kann damit was anfangen, aber nicht in dem Sinne, dass ich sehe, dass ich da reingetappt bin in diese Falle. Die gibt es beim Bergsteigen natürlich auch. Dass Bergsteiger ihre Risikobereitschaft immer weiter in einen gefährlicheren Bereich verschieben."
Gefährlichen Bereiche erkennen und reflektieren
Göttler will beim Bergsteigen vor allem lebend zurückkehren. Am Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt, ist er deshalb 100 Meter vor dem Gipfel umgekehrt - und der "Fehlinvestitionsfalle" auf diese Weise entgangen: "Ich war ohne Sauerstoff unterwegs und es war für mich zu riskant, in der Schlange zum Gipfel zu stehen. Vermutlich wäre ich dann für immer oben geblieben."
Auch am Nanga Parbat ist er immer wieder umgekehrt, anstatt sich vom Weitergehen um jeden Preis verleiten zu lassen: "Das ist für mich die Kunst des Bergsteigens, das nicht zu sehr auszureizen - weil dann tritt man eben in diese Falle."
Für Psychologin Rabea Zühlke ist die Fähigkeit, eigene rote und gefährliche Bereiche zu erkennen und zu reflektieren, nicht nur im Bergsteigen wichtig, sondern für alle Menschen, die sich hohe Ziele stecken.
David Göttlers Geschichte mit dem Nanga Parbat erzählt der neue Film "Nanga Parbat – Echoes of Sisyphus", der im Sommer mit dem Alpen Film Festival durch Kinos in Deutschland, Österreich und Südtirol tourt.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
