Angler Sattelschweine auf einem Hof bei Burgkirchen an der Alz: Mit gerade noch 120 Tieren in ist die alte Rasse in Deutschland extrem gefährdet
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Angler Sattelschweine auf einem Hof bei Burgkirchen an der Alz: Mit gerade noch 120 Tieren in ist die alte Rasse in Deutschland extrem gefährdet
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Angler Sattelschweine auf einem Hof bei Burgkirchen an der Alz: Mit gerade noch 120 Tieren in ist die alte Rasse in Deutschland extrem gefährdet

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Alte Nutztierrassen: Der Kampf gegen das Verschwinden

Alte Nutztierrassen: Der Kampf gegen das Verschwinden

Vom Aussterben bedroht sind nicht nur Wildtiere, sondern auch viele Nutztierrassen. Fast drei Viertel von ihnen sind in ihrem Bestand gefährdet. Dadurch droht genetische Information verloren zu gehen, die in der Tierzucht dringend benötigt wird.

Über dieses Thema berichtet: Nahaufnahme am .

Hubert Hochreiter führt über seinen Hof im kleinen Weiler Dorfen bei Burgkirchen an der Alz – bis zu einer einer großen Freifläche. Der Boden: Zertreten, zerwühlt, verschlammt. In mehreren Mulden steht das Wasser.

Kaum ist Hochreiter da, wird es lebhaft. Aus dem Stall nebenan stürzen zwei Dutzend Schweine: Stattliche Tiere mit schwarzer Pigmentierung und einer großen weißen Zeichnung, die sich wie ein Sattel hinter dem Nacken über den Körper legt – und den Tieren ihren Namen gab: Angler Sattelschweine, weil sie ursprünglich auf der Halbinsel Angeln in Schleswig-Holstein gezüchtet wurden. Die Tiere herauszulocken, war nicht schwer. Hubert Hochreiter hat ihnen Äpfel mitgebracht. Zufrieden schmatzend und grunzend machen sich die Schweine über sie her.

"Extrem gefährdet"

Die Schweine sind eine absolute Seltenheit. Gerade noch 120 von ihnen gibt es in Deutschland. 40 davon leben auf dem Blümlhof – ein Drittel des gesamten Bestandes. Zusammen mit anderen seltenen Nutztieren. Hochreiter hält neben den Schweinen auch Angler Rotvieh. Wie die Schweine stehen auch die Rinder auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH, externer Link). Beide sind dort als "extrem gefährdet" geführt. Wie auch die Brillenschafe, die ebenfalls hier leben.

Wolfgang Landsberger und seine Frau Anna-Barbara Jockenhöfer halten sie, seit sie vor über 20 Jahren auf den Blümhof zogen - eine "Solidarische Landwirtschaft". Eine Betriebsform, bei der sogenannte "Mitbauern" einen monatlichen Betrag zahlen und dafür Produkte vom Hof erhalten, zum Beispiel Fleisch, Gemüse oder Obst.

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Brillenschaf: Die Rasse geht hervor aus einer Einkreuzung von Paduaner- und Bergamaskerschafen in Kärntner Steinschafe

Schwer verkäuflich – trotz guter Haltung und Qualität

Die Tiere auf dem Demeter-zertifizierten Hof leben länger als andere, wachsen langsamer, werden älter, haben viel Auslauf. Dennoch: Ihr Fleisch über den allgemeinen Lebensmittelmarkt zu verkaufen, wäre ein Verlustgeschäft, sagt Hochreiter: "Wenn ich die einfach am Schlachthof abliefere, dann kriege ich halt sehr wenig Geld dafür." Die Schweine seien den meisten Kunden zu fett, hätten zu wenige und zu kleine Magerfleischstücke.

Bei den Schafen gebe es ein anderes Problem: Sie brächten nicht genug auf die Waage, sagt Wolfgang Landsberger: "An den Lämmer-Sammelstellen wurden diese Lämmer gar nicht angenommen. Weil ich hab' nicht 60 Kilo mit sieben, acht Monaten." Dass die Fleischqualität exzellent ist, spielt keine Rolle. Das Problem der alten Rassen sei, dass sie nicht so intensiv züchterisch bearbeitet wurden, heißt es bei der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Dadurch könnten sie in wirtschaftlich wichtigen Merkmalen mit den größeren Rassen nicht mithalten – und seien uninteressant für die meisten Halter und Züchter.

Genetische Vielfalt wichtig für die moderne Zucht

Dabei gebe es gute Gründe, die alten Nutztiere zu erhalten, meint Johann Ertl, Leiter am Institut für Tierzucht der LfL. Einerseits aus kulturgeschichtlicher Sicht, weil sie Landschaftsbilder seit Jahrhunderten geprägt hätten, andererseits liege es im Interesse auch der modernen Zucht, die Genetik zu erhalten: "Diese kleinen Rassen sind oft sehr gut angepasst an die jeweiligen Umweltbedingungen. Das kann zukünftig eine Eigenschaft sein, die wieder gefragt sein könnte."

Das gelte auch für andere Merkmale: "Sei es eine besondere Fleischqualität, vielleicht auch eine besondere Milchqualität oder besondere Qualitäten von ihrer Genetik her." Man wisse nicht, sagt Ertl, "was in 20, 50 oder 100 Jahren die Anforderungen sein werden. Aber es kann sein, dass diese Eigenschaften mal wieder gefragt sind." Deshalb unterstütze die LfL die Züchter fachlich und finanziell sowie durch Vorhalten einer staatlichen Genreserve mit Erbgut von über 80.000 Samenportionen, konserviert in flüssigem Stickstoff.

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Murnau-Werdenfelser Rinder auf einer Weide in Raitenhaslach im Landkreis Altötting. Die Rasse gilt als stark gefährdet.

Landschaftspflege und Direktvermarktung

Wirtschaftlicher wird die Haltung alter Rassen oft durch Einnahmen aus der Landschaftspflege. Wie bei Josefine und Matthias Reißaus aus Oberneukirchen bei Mühldorf. Sie halten neben Wasserbüffeln auch 80 Rinder der stark gefährdeten Rasse Murnau-Werdenfelser. Die setzen sie ein bei Beweidungsprojekten, wo die robusten Tiere wilde Weiden, Nasswiesen und Niedermoorflächen erhalten - und dadurch Lebensraum für seltene Tierarten schaffen.

Bessere Preise zu erzielen durch Direktvermarktung sei aber unverzichtbar, sagt Matthias Reißaus: "Dass wir die wertvollen Produkte an den Mann bringen und dann auch einen ordentlichen Preis bezahlt bekommen, das ist absolut wichtig und notwendig, um für unseren Gesamtbetrieb einfach Auskommen zu erwirtschaften."

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