Screenshots eines KI-generierten Videos.
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Weihnachtsmärkte und Migranten wurden europaweit zur Zielscheibe von Desinformation. Dazu wurden Videos verbreitet, die etwa KI-generiert waren.
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Weihnachtsmärkte und Migranten wurden europaweit zur Zielscheibe von Desinformation. Dazu wurden Videos verbreitet, die etwa KI-generiert waren.

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Desinformation: Migranten & Weihnachtsmärkte europaweit im Fokus

Desinformation: Migranten & Weihnachtsmärkte europaweit im Fokus

Weihnachtsmärkte und Migranten wurden zuletzt europaweit zur Zielscheibe von Desinformation. Dazu wurden Videos verbreitet, die KI-generiert, veraltet oder falsch verortet waren. Der #Faktenfuchs erklärt die Techniken dahinter.

Darum geht's:

  • Weihnachtsmärkte und Migranten wurden zuletzt europaweit zur Zielscheibe von Desinformation.
  • Die Videos, die störende Vorfälle zeigen sollten, waren aber KI-generiert, aus dem Kontext gerissen oder veraltet.
  • Solche Desinformation konnte an bestehende Unsicherheiten anknüpfen, sagen Experten.

Brüssel, Mailand, Stuttgart und Essen: Europaweit wurden in der Vorweihnachtszeit Falschbehauptungen über Weihnachtsmärkte verbreitet. Videos sollten die Belege dazu liefern. Sie zeigten Menschenmengen mit Syrien- oder Palästina-Fahnen oder zu orientalischer Musik tanzende Menschengruppen. Sie waren aber KI-generiert, veraltet oder schlicht nicht auf einem Weihnachtsmarkt entstanden.

Begleitend wurden falsche Behauptungen verbreitet wie: "Syrer haben den Weihnachtsmarkt in Deutschland übernommen", oder der "Weihnachtsfrieden" werde "gekapert". Dieser #Faktenfuchs klärt auf, welche Techniken von den Verbreitern verwendet wurden und warum Weihnachtsmärkte im Fokus von Desinformation standen.

Beispiel 1: KI-generiertes Material

Programme zur Videoerstellung wie Sora 2 oder Veo 3 nutzen Künstliche Intelligenz, um aus Texteingaben des Nutzers komplett neue Videos zu generieren. Die Qualität dieser Videos hat sich in den vergangenen Jahren enorm verbessert, sodass sie auf den ersten Blick wie realistische Videos erscheinen können.

So auch bei einem Video, das auf Tiktok zu finden war: Man sieht Menschen, die syrische Flaggen schwenken oder tragen. Im Hintergrund sind weihnachtlich geschmückte Verkaufsbuden vor einer Altstadt-Kulisse zu erkennen. Menschen drängen sich scheinbar durch die Gassen eines Weihnachtsmarktes. Wer das Video nur flüchtig betrachtet, könnte es für echt halten. Der Account, der das Video verbreitet, schreibt zu dem Video: "Syrer haben den Weihnachtsmarkt in Deutschland übernommen" (deutsche Übersetzung der Redaktion).

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Fehler im Bewegtbild und die Kennzeichnung als "KI" zeigen, dass dieses Video nicht real ist.

Doch der Account selbst hat das Video als "KI-generiert" gekennzeichnet – ein kleines Label in der Beschreibung am unteren Bildrand des Videos, das nicht sofort ins Auge fällt. Auf dem Profil finden sich noch weitere KI-generierte Videos. Dieselbe Behauptung verbreitet der Betreiber auch in Videos über Palästinenser.

Betrachtet man das Video genauer, fallen Bildfehler auf, die für KI typisch sind: Die Finger eines Fahnen schwenkenden Mannes sind deformiert. Außerdem erscheint eine Syrien-Flagge wie aus dem Nichts in einer Verkaufsbude, ohne dass klar wird, wer sie dort schwenkt. Auf Pappschildern, die die Menschen tragen, stehen hieroglyphenartige Buchstaben oder Zeichen: ein häufiger KI-Fehler.

Beispiel 2: Echtes Videomaterial mit falschen Ortsangaben

Wer Desinformation verbreitet, nutzt regelmäßig folgenden Trick: Echtes Bildmaterial wird mit falschen Angaben "umrahmt", um einen irreführenden Zusammenhang zu kreieren. So machte es auch der rechtsextreme US-Amerikaner Alex Jones. Er wurde bereits zur Zahlung von Milliarden Dollar verurteilt, weil er Verschwörungsnarrative über einen Amoklauf an einer Grundschule mit 26 Toten verbreitet hatte.

Zu den Weihnachtsmärkten in Deutschland postete Jones im Dezember 2025 auf X ein Video, das er dafür aus dem Kontext riss. Es wurde laut X mehr als drei Millionen Mal angesehen. Man sieht darin eine Gruppe, hauptsächlich Männer, die zu orientalisch klingender Musik tanzen. Dazu schrieb Jones: "Islamistische Männer übernahmen das Herz eines Weihnachtsmarktes in Deutschland und begannen, arabische Musik abzuspielen und Familien zu stören" (deutsche Übersetzung der Redaktion).

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Dieses Video wurde in Stuttgart aufgenommen, aber nicht auf einem Weihnachtsmarkt.

Das Video entstand jedoch gar nicht auf einem Weihnachtsmarkt. Über die in dem Videomaterial zu sehenden Geschäfte und die Bäume lässt sich der Aufnahmeort herausfinden: Es ist die Königstraße in der Stuttgarter Innenstadt.

Was die Behauptung von Jones entlarvt: Erstens kann man auf dem Video keinen Weihnachtsmarkt erkennen. Und zweitens ist die Königsstraße knapp 300 Meter entfernt vom Weihnachtsmarkt, der letztes Jahr auf dem Stuttgarter Marktplatz stattfand. Zu solchen Störungen, wie Jones sie unterstellte, lassen sich auch keine seriösen Berichte oder Quellen finden.

Beispiel 3: Echtes Videomaterial mit falschem Kontext

Auch im dritten Beispiel drehte sich die Falschbehauptung um Syrer. In einem auf Tiktok geposteten Video sieht man eine Menschenmenge und syrische Fahnen. Es werden Handylichter geschwenkt und laute Musik dröhnt aus Boxen, dazu klatschen, tanzen und singen die Menschen.

Der Verbreiter-Account schrieb dazu fälschlicherweise: "Weihnachtsfrieden gekapert?🎄 Syrer-Feier auf dem Berliner Platz (Essen) zwischen Glühweinständen".

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Ein Video von demonstrierenden Syrern wurde nicht am Berliner Platz in Essen aufgenommen, dort findet auch kein Weihnachtsmarkt statt.

Auch hier sind in dem Videomaterial kein einziger Glühweinstand und keine andere Weihnachtsmarktbude zu sehen. Eine #Faktenfuchs-Anfrage bei der Polizei Essen ergab: Auf dem Berliner Platz oder in direkter Nähe fanden 2025 keine Weihnachtsmärkte statt. Es habe auch keine solchen Vorfälle auf Essener Weihnachtsmärkten gegeben, sagte Polizeisprecher Matthias Werk dem #Faktenfuchs.

Am 7. Dezember 2025 demonstrieren zwar Tausende, die den Jahrestag des Sturzes des syrischen Diktators Baschar al-Assad feierten. Doch die Demo fand eineinhalb Kilometer entfernt vom Berliner Platz statt, südlich des Essener Hauptbahnhofs. Wäre im Rahmen einer Demo oder Kundgebung am Berliner Platz eine so große Menschengruppe zusammengekommen, dann hätte die Polizei davon Kenntnis, so Polizeisprecher Werk. Ob das Video tatsächlich in Essen aufgenommen wurde, könne man nicht sicher sagen. Auch der #Faktenfuchs fand bisher nicht genügend Anhaltspunkte, um den Aufnahmeort zu verifizieren.

2024 gab es bereits ähnliche Falschbehauptungen über Essen: Damals versammelten sich am 8. Dezember ebenfalls tausende Menschen, um den Sturz des Assad-Regimes zu feiern. Da sich entlang der Demonstrationsroute ein Weihnachtsmarkt befand, seien die Demonstranten durch den Markt gelaufen, so Polizeisprecher Werk. Probleme habe es aber auch vor einem Jahr keine gegeben.

Brüssel und Mailand: Falschbehauptungen nach ähnlichem Muster

Nach einem ähnlichen Muster wurden Falschbehauptungen über Weihnachtsmärkte in Brüssel und Mailand verbreitet. Im Fall Brüssel kursierte ein Video, das Menschen mit Palästina-Flaggen auf dem Place de la Bourse in Brüssel zeigt. Auf X schrieb ein User fälschlicherweise dazu, "islamische Immigranten" würden gegen Weihnachten "protestieren".

In Wahrheit war es die pro-palästinensische Demonstration einer lokalen Gruppe, die mit dem Eröffnungstag des Weihnachtsmarktes auf dem Place de la Bourse zusammenfiel, wie die Faktenchecker von Eurovision News Spotlight recherchierten. Dass die Demonstration am 28. November 2025 nichts mit Weihnachten zu tun hatte, kann man zum Beispiel über Videos auf der Instagram-Seite der Gruppe nachvollziehen.

Im Fall Mailand wurde veraltetes Videomaterial als neu ausgegeben. Auf diesem Video zu sehen: eine Menschenmenge auf dem Mailänder Domplatz, orientalisch klingende Musik, Menschen mit Palästina- und Ägypten-Flagge. Die Behauptung: "Islamisten" würden den Weihnachtsmarkt dort stören wollen.

Die Faktenchecker von Eurovision News Spotlight fanden heraus, dass das Video allerdings schon Tage vor der offiziellen Eröffnung des Weihnachtsmarktes im Netz zu finden war. Es kann also nicht den Weihnachtsmarkt 2025 zeigen. Das Video scheint noch älter und während der Silvesterfeiern 2024/25 in Mailand aufgenommen worden zu sein, schreiben die Journalisten.

Desinformation knüpft an Unsicherheiten an und zeichnet bedrohliches Bild von Migranten

Bereits im November 2025 wurden die Märkte zur Zielscheibe von Desinformation: So verbreitete sich die falsche Behauptung, dass die Märkte aufgrund hoher Kosten durch Sicherheitsmaßnahmen massenhaft ausfallen müssten.

Die Desinformations-Narrative zu Weihnachtsmärkten knüpften an bestehende Unsicherheiten bei Menschen an, sagt Richard Kuchta vom ThinkTank ISD Germany dem #Faktenfuchs. Kuchta forscht dort zu Desinformation und Extremismus. Weil es in der Vergangenheit Anschläge auf deutsche Weihnachtsmärkte gab und jetzt verstärkte Sicherheitsmaßnahmen, seien Menschen unsicher und hätten Ängste.

Im Dezember 2025 wurden zum Beispiel in Bayern fünf Männer festgenommen, weil sie einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing-Landau geplant haben sollen. Der Hauptverdächtige ist Ägypter und dem Bayerischen Verfassungsschutz schon längere Zeit als Anhänger der extremistischen Muslimbruderschaft bekannt. Zudem galt er als Sympathisant des Terrornetzwerks al-Qaida, wie BR und Correctiv aus Sicherheitskreisen erfuhren.

"Es wird versucht, diese Ängste weiter auszubeuten und mehr Angst zu schüren gegen bestimmte Volksgruppen, je nachdem, in welche Narrative das genau passt", sagt Kuchta. Weihnachtsmärkte seien ein Symbol für etwas typisch Europäisches. Dass Desinformation zum Thema Sicherheit verbreitet wird und Migranten als Zielscheibe hat, sei nichts Neues.

Experte: Echtheit der Videos ist für manche Menschen nicht wichtig

Seit 2015 wird Migration von einigen in bestimmter Weise dargestellt, sagt Kuchta: "Bestimmte Volksgruppen werden als Gefahr für uns als Gesellschaft präsentiert." Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Horz-Ishak von der TH Köln sagte dazu dem ARD-Faktenfinder: Falschnachrichten trügen dazu bei, ein emotional aufgeladenes und bedrohliches Bild von Muslimen zu zeichnen – obwohl die Menschen in den gezeigten Videos nicht einmal zwingend muslimisch sein müssen.

Ob das Videomaterial authentisch ist, spiele für manche Menschen auch keine Rolle, so Richard Kuchta vom ISD Germany. "Es ist vielen Nutzerinnen auch sehr oft egal, ob das stimmt oder nicht. Sie glauben daran, dass so etwas in der Art schon passieren könnte." Die beobachteten Kanäle und Akteure verbreiten teils rechtsextreme Inhalte, beobachtet er. "Wer aber genau diese Akteure sind, wissen wir in sehr vielen Fällen gar nicht." Account-Namen sind oft anonym gehalten und auch sonst gibt es keine persönlichen Informationen.

Fazit

Zuletzt wurden europaweit Falschbehauptungen zu Weihnachtsmärkten zusammen mit Videos von migrantischen Menschengruppen verbreitet. Die entsprechenden Videos sind jedoch KI-generiert, veraltet, aus dem Kontext gerissen oder zeigen gar keine Weihnachtsmärkte.

Solche Desinformation knüpft an eine ohnehin bestehende Verunsicherung aufgrund der Sicherheitslage an. Experten sagen, damit sollen bestimmte Menschengruppen als Gefahr für die Sicherheit dargestellt werden.

Quellen:

Interviews/Presseanfragen

Presseanfrage bei der Polizei Essen

Veröffentlichungen

Kein "Sturm" auf Weihnachtsmarkt: Video zeigt Demonstration anlässlich des Sturzes des syrischen Diktators: faktencheck.afp.com, 20.11.2025.

Are Christmas markets being cancelled due to immigrant protests?: spotlight.ebu.ch, 04.12.2025

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