Noch gibt es keine endgültigen Zahlen. Die Nachrichtenagentur Reuters berief sich Freitagvormittag auf das spanische Innenministerium: Binnen 24 Stunden seien schätzungsweise 49.000 Migranten von Marokko aus nach Ceuta gekommen. AFP schrieb mit Verweis auf Polizeikreise in Ceuta, rund 40.000 Migranten hätten die Grenze gestürmt. Wenig später nannte Juan Jesus Vivas, Regionalpräsident von Ceuta, die Zahl von 60.000 innerhalb weniger Tage und sprach von 34 Toten.
Klar ist: Die autonome spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste hat eigentlich nur rund 85.000 Einwohner, im Größenvergleich wenige tausend mehr als eine Stadt wie Bamberg. Das macht die Lage in Ceuta äußerst dramatisch. Regionalpräsident Vivas hatte im Interview mit der spanischen Zeitung "El Pais" schon am Donnerstag von einem "absoluten humanitären und sozialen Notstand" gesprochen und Militär angefordert.
Im Video: Weber fordert hartes Vorgehen Spaniens an Grenze zu Ceuta
Europapolitiker Manfred Weber (CSU), Vorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP)
Warum so viele gerade jetzt?
Die Bilder von Zehntausenden, überwiegend jungen Männern, die teilweise schwimmend über das Meer, teilweise über den Grenzzaun kletternd nach Ceuta kommen, gehen um die Welt und haben enormes emotionales Potential. Warum so viele und warum gerade jetzt? Zu dieser Frage gibt es Anhaltspunkte, wenn auch keine endgültigen Antworten.
Nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens von Anfang Juli dürfen schwimmend ankommende Migranten nicht mehr ohne Einzelfallprüfung zurückgewiesen werden. Entsprechend hatten zuvor bereits das Gericht von Ceuta und der Oberste Gerichtshof Andalusiens geurteilt. Das Schwimmen um die Hafenmole herum ist seit dem Frühjahr einer der bevorzugten Wege nach Ceuta, teilweise mit Unterstützung von Schwimmreifen, teilweise in Neoprenanzügen.
Mobilisierung über Social Media
Zudem hat es diesmal offenbar eine besonders stark koordinierte Mobilisierung über soziale Netzwerke gegeben. Dazu gehörten laut marokkanischen und spanischen Quellen auch Gerüchte, die Grenze nach Ceuta sei grundsätzlich offen. Migrationsforscher verweisen immer wieder darauf, dass auch Schlepperbanden, die mit dem Schleusen von Migranten viel Geld verdienen, solche Social Media-Kampagnen beeinflussen. Das Muster ist grundsätzlich an vielen EU-Außengrenzen zu beobachten: Digitale Vernetzung senkt die Hemmschwellen, unabhängig von anderen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren.
In sozialen Medien wird auch spekuliert, andere Staaten könnten die Krise mit verursacht haben. 2021 wurde Russland vorgeworfen, mit Hilfe von Belarus Migration über Lettland, Litauen und Polen in Richtung Deutschland und anderer EU-Staaten mit dem Ziel der Destabilisierung befördert zu haben. Verwiesen wird aktuell auch auf den Konflikt zwischen US-Präsident Donald Trump und dem spanischen Regierungschef Pedro Sanchez, der Trump im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg deutlich kritisiert hatte. Belege für tatsächlichen Einfluss dieser Art gibt es mit Blick auf Ceuta aber bisher nicht.
Welche Rolle spielt Marokko?
Im Mai 2021 hatten sich innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen von Marokko aus Zugang nach Ceuta verschafft. Damals hatte die marokkanische Regierung die Grenzkontrollen demonstrativ durchlässig werden lassen.
Diesmal berichten marokkanische Medien jedoch nicht von einem offenen politischen Konflikt oder diplomatischer Verstimmung zwischen den Regierungen in Rabat und Madrid. Vielmehr hätten Polizei, Militär und Behörden in Marokko in den vergangenen Tagen versucht, hunderte Ausreisewillige am Grenzübertritt zu hindern. Zwar gibt es vereinzelt Spekulationen, ein kürzlicher Besuch des spanischen Regierungschefs Pedro Sanchez in Algerien mit einer Annäherung zwischen diesen beiden Ländern könnte Marokko verstimmt haben, doch handfeste Belege für diese These fehlen ebenfalls.
Spaniens Regierungschef unter Druck
Zwar hat Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez die aktuelle Lage bei seinem Besuch in Ceuta als "Angriff" und "Verletzung der territorialen Integrität Spaniens" bezeichnet. Doch grundsätzlich ist Sanchez dafür bekannt, dass er Migration nicht primär als Sicherheitsproblem, sondern auch als wirtschaftliche und demografische Chance bezeichnet. Sanchez hat stets auch den Beitrag von Migranten zum Arbeitsmarkt und zur Finanzierung des Sozialstaats betont. Die besonders stark alternde Bevölkerung Spaniens brauche Zuwanderung, so sein Argument.
Viele andere Regierungen in Europa haben dagegen zuletzt ihre Rhetorik verschärft und auf strengere Grenzkontrollen und Abschiebungen gesetzt.
Teils scharfe Reaktionen aus EU-Staaten
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat die Regierung in Madrid in einer ersten Reaktion zu entschlossenem Handeln aufgefordert. Spanien müsse "die Situation in Ceuta schnellstmöglich wieder in den Griff bekommen", so Merz in einer schriftlichen Erklärung. Er "begrüße daher die spanische Absicht, die illegalen Migranten nicht auf den europäischen Kontinent zu lassen." Merz betonte gleichzeitig: "Von Marokko erwarten wir, dass sie die illegalen Migranten unverzüglich wieder zurücknehmen."
Eine besonders scharfe Reaktion war zuvor aus Italien gekommen. Ministerpräsidentin Georgia Meloni hatte die Bilder aus Ceuta als "schockierend" bezeichnet und angekündigt, ihre Regierung erwäge "außergewöhnliche Maßnahmen". Außenminister Antonio Tajani forderte einen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum.
Die Flut von Social Media-Posts und die unzähligen politischen Reaktionen zeigen: Die Diskussion um die Hintergründe und Folgen der Krisenlage in Ceuta hat gerade erst begonnen.
Im Video: Migrationsforscher Gerald Knaus zum Ceuta-Ansturm
Gerald Knaus
Zum Hören: Dramatische Lage in Ceuta
Karte mit Ceuta, Tanger, Spanien und Marokko
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!



