Russland hat die Ukraine im April mit 6.583 Drohnen angegriffen – das sind so viele wie in keinem anderen Monat seit Kriegsbeginn, so zeigen es Auswertungen der Nachrichtenagentur AFP. Rund 88 Prozent der Drohnen sollen laut ukrainischem Militär abgefangen worden sein. Trotzdem sind in den vergangenen Wochen zahlreiche Zivilisten bei den russischen Angriffen getötet worden. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat deshalb zum wiederholten Male mehr Luftabwehrsysteme für sein Land gefordert.
Abgeordneter: Ukraine versucht, Krieg kostspieliger zu machen
Oleksii Goncharenko aus Odessa ist Abgeordneter im ukrainischen Parlament und gehört der Fraktion Europäische Solidarität an. Im Interview mit BR24 teilt er seine Einsichten: "Russland greift unsere Städte und zivile Infrastruktur jeden Tag an. Zuletzt haben sie sogar begonnen, Züge mit Zivilisten anzugreifen." Die Luftabwehr sei nötig, um Menschenleben schützen zu können.
Auch die Ukraine greift weiterhin Ziele in Russland an, darunter Infrastruktur wie Ölraffinerien, Häfen und Schiffe. Zuletzt sorgte eine nach russischen Angaben ukrainische Drohne für Aufsehen, die in Moskau nahe dem Zentrum einschlug und ein Wohnhaus beschädigt hat. Verletzte soll es nicht gegeben haben.
Goncharenko verteidigt dieses Vorgehen. "Die Ukraine versucht, den Krieg für Russland kostspieliger zu machen – in Form von Geld, Ressourcen und innerer Stabilität." Er betont aber auch: "Wir greifen nur strategische Einrichtungen an – Depots, Ölraffinerien, Fabriken und Anlagen, in denen Waffen hergestellt werden, die gegen die Ukraine eingesetzt werden."
Mögliche Sommeroffensive an der Front
Mit Blick auf die Front warnt Goncharenko vor einer möglichen neuen russischen Sommeroffensive. "Die heftigsten Abschnitte sind derzeit Pokrowsk, Kostiantyniwka, Slowjansk und Huljajpole. Ich habe Berichte gesehen, wonach die russischen Truppen in der letzten Aprilwoche die Zahl ihrer Angriffe um etwa 25 Prozent erhöht haben. Das könnte auf Vorbereitungen für eine neue groß angelegte Sommeroffensive hindeuten – ähnlich wie im vergangenen Jahr, als die Besatzungstruppen zwischen Mai und August mehrere hundert Quadratkilometer eingenommen haben."
Der harte Winter hat Spuren hinterlassen
Für viele Menschen in der Ukraine ist der Krieg längst zum zermürbenden Alltag geworden und der vergangene Winter hat Spuren hinterlassen. Es dürfte für viele Ukrainer der härteste seit Kriegsbeginn gewesen sein. Die massiven russischen Angriffe hatten zu tagelangen Blackouts geführt. Ohne Strom und Heizung mussten viele Menschen bei zweistelligen Minusgraden ausharren. Zwar seien seine Landsleute resilient und auch dieser Winter habe es nicht geschafft, sie mental zu brechen, meint Goncharenko. "Aber natürlich sehnen sich viele jetzt nach Frieden.“ Und er beobachte, wie viele Ukrainer schon jetzt im Frühling versuchten, sich irgendwie auf den nächsten Winter vorzubereiten. "So etwas habe ich in den vergangenen Jahren nicht gesehen."
Auch der Staat versuche derzeit das für die Infrastruktur zuständige Personal zu schulen, um mit künftigen Angriffen noch besser umgehen zu können.
Viele Militäranalysten und auch die ukrainische Regierung diskutieren und befürchten derzeit eine neue Strategie Russlands. Statt der Stromversorgung könnte die russische Armee bald gezielt die Wasserversorgung angreifen und die Ukrainer so vor lebensbedrohliche Probleme stellen.
Zweifel an Verhandlungen
Angesichts der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran, scheinen die Verhandlungen für ein Friedensabkommen oder eine dauerhafte Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine zum Erliegen gekommen zu sein. Laut Selenskyj soll nun Ende der Woche ein Vertreter der ukrainischen Regierung nach Florida geflogen sein. Auch das Weiße Haus hat das bestätigt. Goncharenko gibt sich beim Thema Verhandlungen skeptisch: "Zuletzt gab es kaum Neuigkeiten über Gespräche. Offensichtlich will Wladimir Putin den Krieg nicht beenden."
Auch die von Russland angekündigte einseitige Waffenruhe rund um den 8. und 9. Mai bewertet er skeptisch. "Putin ist sehr besorgt, dass seine symbolische Parade am 9. Mai Ziel eines Angriffs werden könnte. Deshalb hat er angefangen, über eine Waffenruhe zu sprechen. Wir werden sehen, wie sich die Lage entwickelt. Die Ukraine hat schon oft Waffenruhen vorgeschlagen, und Russland hat sie häufig gebrochen." Zudem hatte Russland zuletzt mit heftiger Vergeltung gedroht, sollte die Ukraine Russland während der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazideutschland angreifen.
Wachsende Erschöpfung – Hoffnung auf Hilfe der EU
Die Belastung in der Ukraine ist damit nicht nur militärisch, sondern auch psychisch groß. Für die Ukraine sei deshalb die Hilfe ihrer Partner entscheidend, meint Goncharenko: "Wir setzen wirklich auf Unterstützung aus der EU – sie ist entscheidend für das Überleben der Ukraine."
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