Es war bitterkalt vor genau einem Jahr, am 20. Januar 2025. Die zweite Amtseinführung Donald Trumps fand nicht wie gewohnt draußen auf den Stufen des Kapitols, sondern drinnen unter der Kuppel statt – vor 600 ausgewählten Gästen. Tausende Trump-Fans, teils von weit her angereist, drängten sich in der Basketball-Arena der Hauptstadt oder standen frierend in langen Schlangen davor. Sie verfolgten die Vereidigung per Video. Schon Trumps Antrittsrede hatte es in sich: Er rief den Notstand an der Südgrenze aus – Grundlage seiner harten Abschiebepolitik. Er benannte den Golf von Mexiko in Golf von Amerika um. Seine Rede gipfelte in dem Satz: "Das Goldene Zeitalter von Amerika beginnt genau jetzt."
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Die Methode: "Flood the zone"
Ein Jahr später fröstelt die Welt noch immer – Trump sendet ständig neue Schockwellen aus. Das Handlungsmuster hat Trumps früherer Berater Steve Bannon mit "Flood the zone" umschrieben. Das Motto: Flute den Raum mit ständig neuen Ankündigungen. Der Effekt: Freund und Feind kommen kaum dazu, sich mit einer streitbaren Initiative auseinanderzusetzen, weil schon die nächste folgt, die alles neu überlagert. So spricht kaum noch jemand über Venezuela, wenn Trump die neueste Grönland-Drohung in die Welt setzt.
Der Stil: Mach den Deal
Trump handelt dabei nicht wie ein traditioneller Politiker, sondern wie ein Geschäftsmann. Die New York Times-Reporterin Maggie Haberman hat es in ihrer Trump-Biografie "Confidence Man" beschrieben (deutscher Buchtitel: "Täuschung: Der Aufstieg Donald Trumps und der Untergang Amerikas"): Trump macht immer noch so Politik, als bewege er sich in der halb-mafiösen Immobilienwelt des New York der 1980er Jahre. Es geht nicht um Kompromisse, sondern ein Nullsummenspiel: einer gewinnt, einer verliert. Man übertreibt, täuscht, droht, verbreitet Angst. Ziel ist der Deal zum größtmöglichen eigenen Vorteil. Dazu kommt eine große Portion Reality TV: Trump weiß aus seiner zweiten Karriere als Fernseh-Frontmann genau, wie man ein Publikum steuert. Er nutzt dabei Soziale Medien wie kein zweiter, etwa durch die Provokationen seiner Truth Social-Posts.
Besonders effektiv – Kritiker sagen: gefährlich – wird Trumps Stil dadurch, dass er im Gegensatz zur ersten Amtszeit ein Team von Strategen um sich hat, voran Vizepräsident J.D. Vance, Haushaltsdirektor Russell Vought und Vizestabschef Stephen Miller. Trump selbst mag häufig aus dem Bauch heraus handeln, ohne langfristige Strategie. Doch schon vor seinem zweiten Wahlsieg war im gut 900 Seiten starken "Project 2025“ der Denkfabrik Heritage Foundation nachzulesen, wohin die "konservative Revolution" der "Make America Great Again"-Ideologen führen soll.
Die Innenpolitik: Volle Härte voraus
Schon innenpolitisch ist Trumps Feuerwerk an Initiativen kaum mehr überschaubar. Wer spricht noch über die Entlassung zehntausender Regierungsmitarbeiter durch die einst von Elon Musk geleitete "Effizienzabteilung" DOGE, wenn längst das Vorgehen maskierter Kräfte der Einwanderungs- und Abschiebebehörde ICE im Mittelpunkt steht?
Kongress und Oberster Gerichtshof – eigentlich im System der Gewaltenteilung ähnlich stark wie der Präsident – haben sich der ständigen Machtausweitung Trumps bisher kaum entgegengestellt.
Sind die USA noch eine Demokratie? Die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt von der Universität Harvard sehen das Land auf dem Weg in eine Autokratie. Sie beschreiben dieses Abgleiten in der Zeitschrift Foreign Affairs allerdings als noch umkehrbar.
Die Außenpolitik: Welt ohne Regelwerk
Die aktuelle Grönland-Krise verdeutlicht, dass für Trump Völkerrecht, internationale Bündnisse und Organisationen kaum noch Bedeutung haben. In der US-Sicherheitsstrategie wird der gesamte amerikanische Kontinent als "Hinterhof" der USA beschrieben. Zwar scheint Trump auch China und Russland gewisse Einflusszonen zuzugestehen, doch klar bleibt: die Interessen der USA reichen weiter auch nach Asien und Europa. Bei aller Faszination für die anderen "starken Männer" Xi Jinping und Wladimir Putin will Donald Trump am Ende der Stärkste von allen bleiben.
Besonders bitter ist dieses Weltbild für die Europäer. Deutschland hat keine Schutzmacht mehr. Noch nie ist die gleichzeitig bleibende Abhängigkeit von den USA - militärisch, wirtschaftlich, digital – so deutlich geworden. Auch die Reaktion auf Trumps jüngste Zolldrohung offenbart das Dilemma: Europa will Härte zeigen, Trump aber mit Blick auf die Ukraine nicht gänzlich verprellen.
Der Ausblick: Fragezeichen bleiben
Innenpolitisch sind die Zwischenwahlen zum US-Kongress Anfang November das nächste entscheidende Datum. Die oppositionellen Demokraten hoffen, zumindest die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückzugewinnen. Trump-Kritiker stellen allerdings die Frage, ob die Wahlen noch tatsächlichfrei und fair ablaufen und ob Trump ein für ihn ungünstiges Ergebnis anerkennen würde. Entscheidend könnte auch hier sein, wie sich die Gerichte und die Republikaner im Kongress verhalten.
Außenpolitisch finden die nächsten Vermittlungsversuche in Europa statt. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos will Trump selbst auftreten. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz ist die Teilnahme von Vizepräsident Vance zwar fraglich, in jedem Fall werden aber wieder einflussreiche Senatoren und Abgeordnete erwartet.
Eine Erfahrung aus dem ersten Amtsjahr bleibt auf jeden Fall gültig: Trump ist stets für neue Überraschungen gut – vor allem Überraschungen im Angriffsmodus.
Im Audio: Ein Jahr Trump - So verändert er Deutschlands Forschung (IQ-Podcast)
Donald Trump, Nahaufnahme
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