Seit über 25 Jahren regiert Wladimir Putin Russland. Würde ein Nachfolger womöglich noch radikaler, falls Putin stirbt? Im Gespräch mit BR-Chefredakteur Christian Nitsche erklärt der Journalist aus Moskau und Autor der Sci-Fi Romanreihe “Metro”, Dmitry Glukhovsky, das Machtgefüge in Russland - und warum er auch einen Bürgerkrieg für möglich hält.
Christian Nitsche: Herr Glukhovsky, viele hoffen ja auf die Zeit nach Putin. Aber wenn Sie mögliche Nachfolger durchgehen: Kann es da sein, dass jemand noch radikaler, noch gefährlicher ist als er?
Dmitry Glukhovsky: Ich glaube, dass wir während der letzten 25 Jahre genau gesehen haben, was mit einer Person, die Minderwertigkeitskomplexe hat, an der Macht passiert. Unbegrenzte Macht und ein Umfeld, das dich nicht kritisieren darf – das ist sehr, sehr gefährlich für die Persönlichkeit. Was jetzt passiert: Wladimir Putin verhält sich wie ein richtiger Psychopath, überhaupt keine Empathie für andere menschliche Wesen. Ich glaube, dass es schon um Hunderttausende von Menschenleben in diesem Konflikt geht. [Der Angriffskrieg auf die Ukraine, Anm. d. Redaktion]. Aber wenn Wladimir Putin davon spricht, tut er es mit einem Lächeln. Für ihn ist das nur ein Spiel. Dabei ist die Zahl der Opfer in diesem Krieg schon größer als bei den Dingen, die seit Stalins Zeiten passiert sind. Stalin war der Schlimmste. Aber danach kommt schon Putin. Hunderttausende von menschlichen Opfern - kann es noch schlimmer sein? Ich glaube nicht. […] Es gibt Theorien, wonach es nach Putins Tod keine einzelne Figur an der Spitze geben wird, weil er auch alles Mögliche dafür tut, zu vermeiden, dass es einen klaren Nachfolger gibt.
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Nitsche: Können Sie das genauer erklären?
Glukhovsky: Schaut man jetzt in Putins Umkreis, sieht man keine starke Figur. Und in der Opposition hat er alles Mögliche gemacht, um starke persönliche Alternativen zu töten. Boris Nemzow war beispielsweise eine klare Alternative für Putin. Getötet vor dem Kreml. Und Alexej Nawalny, danach das einzige charismatische Individuum in der russischen Politik. Auch - sehr zynisch - beim zweiten Versuch ermordet. Es gibt nur Wladimir Putin. Also, ich glaube, dass eine Gruppe aus seinem Umkreis Russland regieren wird. Wladimir Putin ist ja nicht nur Präsident, sondern auch Privatbesitzer. In Russland gibt es Gas, Öl, dazu die Transportnetzwerke, das Fernsehen, Internet, oder auch die Metallproduktion. Das alles wird fast vollständig von Putins Freunden kontrolliert. Die sind nur die formalen Besitzer, die Frontmänner. Denn wenn es einen politischen oder einen persönlichen Konflikt gibt, muss jeder seinen Teil in einem Unternehmen abschreiben und abgeben, ohne Kompensation. Das bedeutet, es gibt praktisch nur einen richtigen Inhaber [Putin].
Wie funktioniert Putins System?
Wie funktioniert Putins System?
Russischer Bürgerkrieg möglich?
Nitsche: Welche Szenarien gibt es für die Zeit nach Putin? Kann es sein, dass es in Russland dann zu einem Bürgerkrieg kommt?
Glukhovsky: Wenn Putin stirbt, wird ein Bürgerkrieg vielleicht folgen. Aber was zuerst kommen wird, ist ein Krieg zwischen Putins materiellen Erben, zwischen den Eliten. Da gibt es solche wie den tschetschenischen Ministerpräsidenten Ramsan Kadyrow, der seine kleine Privatarmee besitzt und gleichzeitig viele finanzielle bzw. wirtschaftliche Interessen in Russland hat. Oder: Es gibt Leute wie Sergey Roldugin, der Cello-Spieler. Im Zuge der Panama Papers wurde aufgedeckt, dass er plötzlich Gazprom-Aktien im Wert von zwei Milliarden Euro hatte, nur weil er ein Kindheitsfreund von Wladimir Putin war. Und das ist nur ein Beispiel. Davon gibt es viele, viele mehr. Es wird ein Krieg der Eliten um die Reichtümer folgen, die nach Putins Tod in Macht konvertiert werden können.
Nitsche: Der frühere Oligarch und Besitzer einer Privatarmee, Jewgeni Prigoschin, hat 2023 ja den Aufstand geprobt. Er ist mit seiner Privatarmee in Teilen auf Moskau vorgerückt. Was wäre, wenn er sich tatsächlich durchgesetzt hätte?
Glukhovsky: Totales Chaos, glaube ich. Er hat zwar viele Sachen versprochen, aber ich glaube nicht, dass er dazu fähig gewesen wäre, die Lage langfristig zu kontrollieren. Was mich ganz erstaunt hat dabei, als Prigoschin nach Moskau vorgedrungen ist: Da gab’s keine Unterstützung.
Nitsche: Es hat sich niemand dagegengestellt.
Glukhovsky: Ja! Weder vom FSB [Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation, Anm. d. Redaktion] noch von der Armee, die Polizei auch nicht. Aber auch die Propagandisten haben nichts gesagt. Die haben sich versteckt. Die Wahrheit ist: Wenn du ein Diktator bist, kannst du nur mit deiner eigenen Stärke rechnen, weil jeder in deinem Land weiß, dass es keine Wahrheit in deinen Worten gibt. Du besitzt keine moralische Gerechtigkeit. Die Leute machen nur deswegen das, was du sagst, weil sie Angst vor dir haben. Wenn du diese Gewalt nicht mehr projizieren kannst, wenn du deine Schwäche zeigst, dann sind am nächsten Zeitpunkt alle Leute, die für dich waren, unabdingbar gegen dich.
Bestimmt der Geheimdienst die Zukunft Russlands?
Nitsche: Bestimmt letztendlich der Geheimdienst FSB die Zukunft Russlands?
Glukhovsky: Die traurige Wahrheit ist: Der FSB ist der eigentliche Deep State, das wirkliche Kontrollinstrument von Wladimir Putin. In allen Bankinstitutionen, bei allen Fernsehsendern, im Internet, in allen strategischen und wirtschaftlichen Gesellschaften, bei Gas, Öl, Metall und so weiter gibt es einen zweiten Mann, der vom FSB gesandt wird, der Sicherheitsfragen, inklusive politischer Sicherheitsfragen sowie Loyalität, kontrolliert. Und von der Lubjanka aus, vom Hauptsitz des FSB, wird direkt mit diesem zweiten Mann telefoniert. Alle "Lösungen" und Entscheidungen passieren direkt und sehr, sehr schnell. Das ist die Lage. So wird Russland heute mehr oder weniger verwaltet. Der FSB ist eine Geheimgesellschaft, ähnlich, wie sich die Leute zum Beispiel die Illuminaten vorstellen - nur in echt. Mit unbegrenzter Autorität für Gewalt, komplett unkontrollierbar und mit unbegrenztem Zugang zu Geld. Also wirklich allmächtig.
Worst- und Best-Case-Szenarien für Russland
Nitsche: Was wäre denn auf Russland bezogen das Worst-Case und das Best-Case-Szenario, das Sie für realistisch halten?
Glukhovsky: Best Case sind natürlich freie demokratische Wahlen. Bei uns wird das aber realistisch gesehen nicht passieren, weil Putin um seine Macht, sein Leben und sein Vermögen fürchtet. Freiwillig wird er niemals die Macht fallenlassen. Das schlimmste Szenario ist ein selbstzerstörerischer Bürgerkrieg, weil die Atomwaffen dabei sind. Das ist schon das Schlimmste. Aber nicht weit von da ist Russlands Transformation in eine noch schlimmere Diktatur, in der die Zivilgesellschaft ganz unterdrückt ist und freie Medien durch Hasspropaganda ersetzt werden. Ein solches Russland ist eine große Gefahr für seine eigene Bevölkerung, aber auch für Europa und die EU.
Nitsche: Danke für das Gespräch.
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