Als Zukunftsforscherin und Direktorin an der Nato-Militärakademie in Rom hat Dr. Florence Gaub verschiedene Szenarien durchgespielt. Sie glaubt nicht mehr, dass Russland innerhalb der nächsten Jahre die Nordostflanke der Nato, also Estland, Lettland oder Litauen, angreifen wird. Über die Gründe, und warum im Konflikt mit Russland die Arktis zunehmend an Bedeutung gewinnt, darüber hat BR-Chefredakteur Christian Nitsche in "7 Fragen Zukunft" mit Florence Gaub gesprochen.
Christian Nitsche: Im Baltikum wird womöglich irgendwann getestet, ob die Nato wirklich bereit ist, zusammenzustehen. Ob Amerika auch hinter Europa steht, wenn das Baltikum angegriffen wird. Gibt es von allen Szenarien, die Sie durchgespielt haben, eines, das Sie als wahrscheinlich betrachten?
Florence Gaub: Das geht jetzt total gegen die landläufige Auffassung, aber ich glaube nicht an dieses Szenario. Ich glaube, das wäre ein solcher Poker, das würde wirklich alles nur auf eine Karte setzen. Wenn Russland nur einen kleinen Move macht, und die USA bleiben bei den Europäern, dann haben sie [Russland] ein richtig großes Problem. Die militärische Macht aller Europäer plus die der USA – dem hat Russland überhaupt nichts entgegenzusetzen.
Im Video: Kalter Krieg – Nutzt Putin die Arktis als Gamechanger? I 7 Fragen Zukunft
Nitsche: Wie sicher ist es denn, dass die USA die Europäer am Ende nicht doch fallen lassen?
Gaub: Ich höre es überall, dass sich die USA angeblich so zurückziehen aus der Nato. Aber innerhalb der Nato sieht man das nicht. Sie erinnern sich vielleicht an die Münchner Sicherheitskonferenz Anfang 2025, wo alle gedacht haben, die amerikanischen Truppen verlassen jetzt Europa, oder: Die Amerikaner verlassen die Nato insgesamt. Nichts davon ist passiert. Meine amerikanischen Kollegen kommen noch jeden Tag zur Arbeit. Natürlich wird über "Burden Shifting" gesprochen, also darüber, dass die Europäer mehr machen. Aber ich frage mich schon manchmal: Wie oft müssen amerikanische Minister und Präsidenten sagen: Unser Commitment zur Nato ist 100 Prozent, damit wir dem auch vertrauen? Ich glaube, unsere Beziehung zu den USA wird auch dadurch belastet, dass wir das Gefühl haben, wir hängen militärisch total von ihnen ab. Und deswegen misstrauen wir dann auch ein bisschen. Ich glaube nicht an dieses "Die-Nato-Testen-Szenario", weil es für Russland am Ende eine ganz, ganz große Fehlkalkulation sein kann. Aber ich glaube, dass andere Konfliktszenarien mit Russland durchaus möglich sind.
Droht ein Konflikt mit Russland in der Arktis?
Nitsche: Wie zum Beispiel...?
Gaub: Wie zum Beispiel in der Arktis. Sagen wir, ein britisches Schiff und ein russisches Schiff kommen sich ins Gehege. Meinetwegen ist das britische ein Forschungsschiff, also noch nicht mal militärisch. Und Russland kann – vielleicht legitim – behaupten: Die sind in unsere Gewässer eingedrungen, ohne eine Genehmigung zu haben. Dann ist es mit der Artikel-5-Situation (sog. Nato-Bündnisfall, Anm. d. Redaktion) schon nicht mehr so klar. War es ein Angriff auf ein britisches Schiff, wenn es sich – zum Beispiel durch einen Satellitenausfall – plötzlich in Gewässern herumtreibt, in denen es nicht sein soll? Dann haben wir eine Situation, wo man in einen Krieg hineingestolpert ist – und für beide Seiten gar nicht klar ist: War es jetzt ein klarer Angriff oder nicht? Das ist ein Szenario, das macht mir viel mehr Sorgen als das baltische, über das viel gesprochen wird.
Anrainerstaaten in der Arktis
Nitsche: Russland ist in der Arktis ja schon immer sehr präsent und baut seine Aktivitäten dort weiter aus. Wie weit geht das?
Gaub: Bis vor zwanzig, dreißig Jahren war die Arktis im Wesentlichen ein Naturschutzgebiet. Keiner hat gedacht, das ist ein militärisches Thema. Auch im Kalten Krieg übrigens nicht. Und jetzt schmilzt das Eis, was erstens natürlich zu wirtschaftlichen Interessen führt. Die Schifffahrtsroute zum Beispiel zwischen Hamburg und Shanghai ist eine sehr interessante, denn sie ist zehn Tage schneller als Hamburg–Shanghai über den Suezkanal.
Schiffsroute Shanghai-Hamburg über die Arktis
Schiffsroute Shanghai-Hamburg über den Suezkanal
Gaub: Zweitens: Das Eis hat Russland bislang militärisch geschützt. Jetzt fühlt sich Russland da oben ein bisschen ungeschützter. Deswegen auch seine Militärreformen. Da braut sich in der Arktis etwas zusammen, das leider über Naturschutz weit hinausgeht.
Keine Entspannung nach Ukraine-Krieg
Nitsche: Wenn der Krieg in der Ukraine vorbei ist – wird das die Situation wieder entspannen?
Gaub: Ich glaube, es gibt immer noch viele Menschen, die denken: Naja, wenn der Krieg vorbei ist, dann haben wir vielleicht ein bisschen Glück, dann hört das alles auf und Russland hört auf mit seinem ganzen, ja, Unruhe stiftenden Verhalten. Leider Gottes gibt es keinen Grund dazu, das anzunehmen. Denn Russland sagt auch immer wieder, dass es eine Langzeitstrategie hat, sich als Weltmacht aufzubauen. Und Weltmacht heißt nicht, dass man einfach alle russischsprachigen Gebiete vereint, sondern: Russland möchte eine Exportmacht werden. Deswegen: Es geht nicht nur um Norden, Süden oder Osten, es geht auch um Cyber, es geht ums Weltall, es geht um die Meere insgesamt.
Nitsche: Um die Leute vielleicht in eine etwas bessere Gedankenwelt zu entlassen: Was ist denn das optimistischste Szenario, das Sie sich vorstellen können, das tatsächlich eintreten kann?
Gaub: Es gibt ein optimistisches, aber das ist halt nicht um die Ecke. Ich glaube, das, was viele sich wünschen – Friede, Freude, Eierkuchen – ist jetzt nicht sofort möglich. Es ist auch deshalb nicht möglich, weil die Beziehungen mit Russland einfach sehr, sehr stark gelitten haben durch den Krieg. Aber eine Détente mit Russland in den nächsten zehn Jahren – damit meine ich eine Situation, in der wir vielleicht nicht unbedingt beste Freunde sind, aber auch nicht dauernd das Gefühl haben, vielleicht schmeißen die jetzt bald eine Bombe auf uns – das ist durchaus möglich.
Nitsche: Danke für das Gespräch.
Krieg im Eis?
Im Video-Interview bei "7 Fragen Zukunft" erklärt Militärexpertin und Zukunftsforscherin Florence Gaub unter anderem auch, warum sie die Eskalationsgefahr in dünn besiedelten Gebieten wie der Arktis für höher hält als etwa im Baltikum. Ist der nächste Krieg ein Krieg im Eis? Außerdem erklärt sie, warum die USA als Herausforderer in der Arktis China noch vor Russland sehen – und was das Kämpfen im Eis so schwierig macht.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!



