Die Bilder haben die meisten noch im Kopf: Am Kabuler Flughafen heben die letzten US-Militärflugzeuge vom Rollfeld ab. Es gibt die Aufnahme des Frachtraums einer Maschine mit über 600 Zivilisten an Bord, dicht gedrängt. Es gibt die Aufnahmen von draußen: Hunderte Menschen, die die Flugzeuge als einzigen Weg in die Freiheit sehen. In ihrer Verzweiflung steigen sie auf das Fahrwerk, versuchen sich festzuhalten. Viele sterben im Fahrwerkschacht, andere fallen später vom Himmel.
Dramatische Lage im Land
Genau fünf Jahre ist es nun her, dass die Taliban in Kabul erneut die Macht übernommen haben – mit schwerwiegenden Folgen für die Menschen im Land. "Die Lage in Afghanistan ist extrem bedrückend, insbesondere die Situation von Frauen und Mädchen", sagt Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) dem ARD-Hauptstadtstudio. Die Taliban hätten schätzungsweise 2,4 Millionen afghanische Mädchen von weiterführenden Schulen ausgeschlossen. "Das ist wirklich sehr dramatisch."
"Die Menschenrechtslage in Afghanistan ist katastrophal", sagt auch Theresa Bergmann von Amnesty International im BR24-Interview. "Folter, willkürliche Inhaftierungen, Auspeitschungen, Körperstrafen, Steinigungen und auch öffentliche Hinrichtungen sind mittlerweile wieder an der Tagesordnung."
Amnesty spricht von Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Besonders die Lage der Frauen hat die Menschenrechtsorganisation zu einem Urteil gebracht: "Die Entrechtung von Frauen und Mädchen ist in Afghanistan so umfassend und so systematisch, dass wir bei Amnesty International zu dem Schluss kommen, dass es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt", bilanziert Bergmann.
Die Wirtschaft ist am Boden und die medizinische Versorgung ist aus Sicht vieler Experten dramatisch. Hinzu kommt, dass schätzungsweise sechs Millionen Menschen aus den Nachbarländern – vor allem Iran und Pakistan – nach Afghanistan zurückkehren mussten. Die Mehrheit der Menschen im Land lebt in massiver Armut, Millionen sind unterernährt.
Wie ein Verein aus München hilft
Hilfe kommt unter anderem aus Feldkirchen bei München. Dort hat der Verein "Ein Herz für Afghanistan" seinen Sitz. Vorstandsvorsitzender ist Moha Hasani, der 2010 als Geflüchteter nach Deutschland kam und noch immer viele Kontakte in seine Heimat hat. "Die Menschen in Afghanistan sind hilflos, sie sind kraftlos, sie fühlen sich von der Welt im Stich gelassen", berichtet Hasani im BR24-Interview. Viele seien traumatisiert und man spüre in jeder Ecke die Angst.
Ein großes Thema für seinen Verein ist Bildung, von der Frauen und Mädchen von den Taliban ausgeschlossen werden. "Ein Herz für Afghanistan" organisiert und finanziert deswegen "geheime Schulen": In zahlreichen Dörfern unterrichten Lehrkräfte heimlich dort lebende Mädchen – ein gefährliches Unterfangen, sollten die Taliban davon mitbekommen. "Wir haben natürlich Angst davor, dass etwas herauskommt, aber bis jetzt ist zum Glück noch nichts passiert", erzählt Hasani.
Was ihn und seine Mitstreiter bestärkt, sind die Reaktionen der Mädchen. "Sie fragen: Was haben wir denn zu verlieren?", berichtet Hasani. "Die Mädchen wollen Bildung, damit sie nicht nur herumsitzen müssen. Oftmals dürfen sie nicht mal das Haus verlassen." Neben Bildung unterstützt der Verein unter anderem den Bau von Brunnen, damit mehr Menschen an sauberes Trinkwasser kommen.
Deutschland schiebt wieder nach Afghanistan ab
In Berlin richtet sich der Blick nicht nur wegen der humanitären Lage nach Kabul, sondern auch wegen der Frage von Abschiebungen. 233 Menschen sind seit der Machtübernahme der Taliban abgeschoben worden. Der Fokus liege dabei auf "der Rückführung von Straftätern, ohne sich jedoch hierauf zu beschränken", wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI) auf BR24-Anfrage erklärt. Es handele sich um die Umsetzung geltenden Rechts. Amnesty International sieht das anders: "Abschiebungen nach Afghanistan sind klar völkerrechtswidrig", sagt Therese Bergmann. Das Land sei nicht sicher, in keinem einzelnen Fall.
Offizielle diplomatische Beziehungen mit den Taliban gibt es nicht, aber Abschiebungen müssen organisiert werden. "Das BMI steht auf verschiedenen Wegen auf technischer Ebene mit Vertretern der afghanischen De-facto-Regierung in Kontakt", heißt es dazu aus dem Ministerium.
Moha Hasani kann das nicht nachvollziehen. Man solle mit den Taliban überhaupt nicht sprechen, geschweige denn Verhandlungen führen, findet er. Einen Wunsch hat Hasani mit Blick auf die Lage in seinem Heimatland: "Ich wünsche mir von der deutschen Politik, dass sie nicht wegschaut."
Im Video: Taliban‑Jahrestag - Kritik an deutscher Zusammenarbeit
Morgen jährt sich die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zum fünften Mal.
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