Zu Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem sind in vielen Teilen Frankreichs Zehntausende Demonstranten auf die Straße gegangen. Wie von den Behörden befürchtet, kam es vielerorts zu Ausschreitungen und Gewalt. Mehr als 160 Menschen wurden festgenommen.
Dem schon seit längerem angekündigten Protesttag haben sich auch Schüler und Studenten angeschlossen, die bereits seit Wochen für bessere Lernbedingungen und eine bessere Ausstattung von Schulen demonstrieren. Bei dem Protestaufruf, der keiner Organisation klar zuzuordnen ist und der über die sozialen Medien verbreitet wurde, geht es aber auch um hohe Spritpreise, niedrige Löhne, die große Zahl von zu Niedriglöhnen Beschäftigten sowie Probleme der Landwirtschaft und der Feuerwehr.
Gewalttätige Übergriffe durch Vermummte und Waffen
In Paris, Lyon und Straßburg ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen Protestierende vor, wie das Innenministerium in Paris mitteilte. In Marseille versuchten Demonstranten demnach, in eine Polizeiwache einzudringen, und plünderten Geschäfte. Rund 100 Menschen wurden festgenommen, weil sie Waffen und andere verbotene Gegenstände dabeihatten. Rund 100 Vermummte blockierten in Paris den Zugang zum rechten TV-Sender CNews, wie Medien berichteten.
Präsident Emmanuel Macron hatte die Menschen am Vorabend ermahnt, friedlich zu protestieren. Das Innenministerium wies die Polizei an, hart durchzugreifen. Die Beamten setzten Schlagstöcke und Tränengas ein. Knapp sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl will die Regierung verhindern, dass die Schülerproteste der vergangenen Wochen in eine allgemeine Protestwelle nach Vorbild der Gelbwestenbewegung münden.
Rathaus von Limoges in Flammen
Bei den Ausschreitungen ist das 143 Jahre alte Rathaus von Limoges in Flammen aufgegangen. Das markante Gebäude sei "zum großen Teil verloren", sagte am Samstagabend der zuständige Präfekt Maurice Barate der Nachrichtenagentur AFP. Es habe sich um eine "vorsätzliche Tat von Randalierern" gehandelt. Augenzeugen zufolge waren maskierte Demonstranten in das Rathaus der zentralfranzösischen Stadt eingedrungen, um Feuer zu legen.
"Das Dach ist auf die darunterliegenden Stockwerke gestürzt - mit Ausnahme des Westflügels", sagte Barate. "Zwei Drittel der Fassade sind bereits verschwunden." Der Brand sei eine "Katastrophe für das kulturelle Erbe" der Region und ganz Frankreichs.
Bisher mehr als 160 Festnahmen
Am Mittag verzeichnete das Innenministerium landesweit 140 Protestaktionen mit 32.800 Beteiligten. Landesweit seien bislang 166 Menschen festgenommen worden. Am frühen Nachmittag waren in Paris und vielen anderen Städten Demonstrationszüge geplant. Frankreichweit wurde mit bis zu 170.000 Protestierenden gerechnet, davon zwischen 30.000 und 60.000 allein in Paris.
Wie es aus dem Innenministerium hieß, gebe es bei den Protesten eine sehr starke Mobilisierung der ultralinken Szene, die einzig und allein darauf aus sei, Unruhe zu stiften. Es gebe gezielte, gewalttätige Übergriffe durch zu schwarzen Blöcken zusammengeschlossene vermummte Personen, insbesondere in Paris, Marseille, Rennes, Toulouse und Angers.
Außerdem gab es einen Aufruf zu einer Neuauflage der Gelbwestenbewegung. Die Sorge der Regierung ist, dass die Demonstrationen am Samstag tatsächlich zu einem zündenden Funken für solche breiteren Proteste werden.
Schüler wollen mehr Lehrkräfte und bessere Ausstattung
Die Schüler in Frankreich fordern bei ihren seit Mitte September andauernden Protesten mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. Die Proteste ereignen sich vor dem Hintergrund der Debatte um einen Sparhaushalt, den die Regierung durchs Parlament bekommen will. Dieser sieht auch Kürzungen im Bildungsbereich vor. Im kommenden Jahr finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt. Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten.
Proteste auch in Belgien und Italien
Inzwischen hat die Protestwelle auch weitere europäische Länder erreicht. In Belgien gab es zunächst Demonstrationen gegen höhere Studiengebühren, die sich bald zu Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten ausweiteten. Am Samstag musste die Polizei Tränengas und Wasserwerfer einsetzen, um Teilnehmer auseinanderzutreiben. Demonstranten warfen Flaschen und andere Gegenstände auf Polizisten.
Auch in Italien gehen die Menschen auf die Straßen. In mehreren Städten protestierten Schüler gegen die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. In Mailand kam es zu Ausschreitungen: Dort legten Demonstranten Feuer am berühmten Domplatz. Derweil blockierten Bauern und Transportunternehmer im Süden des Landes Straßen, um gegen die gestiegenen Treibstoffpreise zu protestieren.
Im Video: Paris - Zusammenstöße bei Massenprotesten
Paris: Zusammenstöße bei Massenprotesten
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