Es ist eisig kalt, als Andrea Steiler am Morgen in Forstinning in der Nähe von München von Tür zu Tür geht. Die 44-Jährige hat eine Mission. Sie will beim Haustürwahlkampf für sich werben. Ihr Ziel: Bei den anstehenden Kommunalwahlen am achten März ins Rathaus der kleinen Gemeinde einziehen. 3.700 Menschen wohnen hier. Andrea Steiler ist gut vernetzt im Ort, in Vereinen und im Elternbeirat aktiv. Gleich zwei Parteien, CSU und SPD, haben sie gemeinsam für das hauptamtliche Bürgermeisteramt aufgestellt.
Steiler: "Dann machen die Kinder eben mal im Rathaus Hausaufgaben"
Doch immer wieder begegnen der Mutter von zwei Mädchen im Grundschulalter auch solche Fragen: Wie will sie das denn schaffen? Wie will sie Familie und das Amt unter einen Hut bekommen? Für Andrea Steiler ist das nicht nachvollziehbar. Sie arbeitet derzeit als Pressesprecherin im IT-Referat von München und sagt: "Da muss eine neue Normalität in den Köpfen entstehen. Dann machen die Kinder eben mal im Rathaus Hausaufgaben."
Frauen im Bürgermeisteramt: nur 10 Prozent
Doch noch ist diese "neue Normalität" nicht in den bayerischen Rathäusern angekommen, zumindest was den Frauenanteil betrifft. In den 2.029 Städten und Gemeinden sind 106 Frauen berufsmäßig und 97 ehrenamtlich als erste Bürgermeisterin tätig. Das heißt: Der Frauenanteil beträgt nur zehn Prozent. Ähnlich sieht es in den Landratsämtern aus. Nur sieben der 71 Landräte in Bayern sind weiblich, ein Anteil von 9,9 Prozent. Bei den Gemeinderäten sind es immerhin 22,2 Prozent, bei den Stadträten 33,7 Prozent.
Negativer Trend beim Frauenanteil
Auch auf der Bundesebene sind Frauen in der Politik zahlenmäßig unterrepräsentiert. Im Bundestag liegt der Anteil derzeit bei 32,4 Prozent. Damit ist der Frauenanteil bei der Bundestagswahl 2025 sogar zurückgegangen um 2,3 Prozentpunkte. Noch weniger Frauen sitzen derzeit anteilig im Bayerischen Landtag, nämlich 25,1 Prozent. Auch im Freistaat ist der Trend negativ. Den höchsten Wert gab es mit 30,3 Prozent Frauenanteil bei den Landtagswahlen 2008. In den darauffolgenden drei Wahlen ging der Frauenanteil kontinuierlich zurück.
Aigner: "Frauen hinterfragen sich leider öfter als Männer"
Das sind Zahlen, die die Präsidentin des bayerischen Landtags Ilse Aigner nicht zufriedenstellen können. Die CSU-Politikerin ist Schirmherrin des überparteilichen Bündnisses "Bavaria ruft!", das mehr Frauen in kommunalpolitische Verantwortung bringen will. "Frauen hinterfragen sich leider öfter als Männer. Deswegen müssen wir ein bisschen motivieren und zeigen durch gute Vorbilder, die wir haben, dass es kein Hexenwerk ist und sie sich einbringen können in der Kommunalpolitik", sagt Aigner.
Parteiübergreifendes Bündnis für mehr Frauen in der Kommunalpolitik
Das Ziel der parteiübergreifenden Initiative: Kandidatinnen sichtbarer machen, sie ermutigen und stärken. Ein Thema, das alle Parteien angehe, sagt Landtagspräsidentin Aigner. "Jede Partei hat ihre eigenen Herausforderungen, aber das Ziel ist das Gleiche, dass wir mehr Frauen in der Kommunalpolitik wollen." Auch Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag hat sich unter die Frauen gemischt, die für ein Gruppenfoto unter der bayerischen Schutzpatronin Bavaria in München mobil machen. "Wir kennen es aus der Wirtschaft", sagt Schulze. "Vielfältige Teams liefern bessere Ergebnisse. Und das, was für die Wirtschaft gilt, gilt auch für die Politik."
Vorbild für die eigenen Töchter und andere Frauen
Andrea Steiler sieht das auch so. Sie will sich in der Kommunalpolitik in Forstinning um ganz praktische Dinge kümmern, etwa die Verkehrssicherheit im Ort. Für sie geht es aber auch um Themen, die Frauen aus ihrer Sicht besser im Blick haben. Etwa die Bedürfnisse von Familien, Pflegenden und Älteren. Ihr ist wichtig, dass Männer und Frauen gleich vertreten sind, auch in den Gemeinderäten. Und sie kandidiert, um ihren Töchtern zu zeigen: "Ihr könnt alles werden, was ihr wollt!" Vielleicht auch Bürgermeisterin in einer kleinen bayerischen Gemeinde.
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