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Iran-Krieg – Das Dilemma von Präsident Erdogan

Iran-Krieg – Das Dilemma von Präsident Erdogan

Es ist eine schwierige Gemengelage: Die Angst vor Flüchtlingen aus dem Iran und eine mögliche Einbindung der Kurden in den Krieg führen dazu, dass sich die Türkei bisher neutral verhält und auf eine diplomatische Lösung drängt. Mit welchem Erfolg?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Präsident Recep Tayyip Erdogan präsentiert sich gerne als Vermittler, als Brückenbauer. Das Nato-Mitglied Türkei ist stolz auf seinen Einfluss und seine guten Kontakte. Doch im Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran und der Hisbollah auf der anderen Seite klappt die türkische Diplomatie nicht so richtig. "Er kann nicht als ehrlicher Makler auftreten, weil die Türkei Nato-Mitgliedsstaat ist", sagt Yaşar Aydın von der Stiftung Wissenschaft und Politik BR24. "Iran hat auch kein großes Vertrauen in die Türkei. Das sieht man auch daran, dass die Verhandlungen kurz vor Kriegsbeginn nicht in der Türkei, sondern in Oman stattgefunden haben." Dabei steht für die Türkei viel auf dem Spiel.

Türkei bleibt neutral

Die Türkei und Iran verstehen sich als Regionalmächte. Es bestehe historisch bedingt ein besonderes Konkurrenzverhältnis, sagt Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung BR24. Diesen Status quo möchte Ankara beibehalten. "Die Türkei ergreift keine Partei, verurteilt die Angriffe Israels und der USA auf den Iran und plädiert dafür, den Konflikt mit diplomatischen Mitteln zu lösen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren", so Aver.

Man habe in der Vergangenheit erlebt, welche Folgen äußere Interventionen im Nahen Osten hatten, betonte Erdogan. Er warnte vor einer politischen, sozialen und wirtschaftliche Trümmerlandschaft (externer Link). "Als Türkei wollen wir nicht, dass unsere Region dieselben Schmerzen erneut durchleidet."

Erdogan: Angriffe "auf die Bruderländer" nützen niemandem

Selbst als die Türkei am Montag bereits zum zweiten Mal eine Rakete abfing – Teheran bestritt, dass sie aus dem Iran stammte –, war die Warnung aus Ankara zwar deutlich, der Ton aber deeskalierend. In einem Telefonat mit Irans Präsident Massud Peseschkian verurteilte Erdogan erneut die Angriffe beider Seiten, auch die iranischen Attacken auf mehrere Länder und betonte: Iranische Angriffe "auf die Bruderländer" nützen niemandem.

Mit dieser neutralen Haltung steht Ankara zunehmend alleine da. "Alle Staaten, mit denen die Türkei gute Beziehungen hat, sei es Syrien, sei es Katar, Saudi-Arabien oder Aserbaidschan - alle kritisieren den Iran", sagt Aydın.

Ankara fürchtet die Einbindung der Kurden in den Krieg

Ankara fürchtet, dass der Krieg einen Flächenbrand auslösen könnte. Besonders gefährlich wäre aus Sicht der Türkei eine Einbindung kurdischer Milizen. "Weil sie fürchtet, dass dies den Iran in einen blutigen Bürgerkrieg ohne planbaren Ausgang führt und weitere Minderheiten dazu animieren würde, sich am Sezessionskrieg zu beteiligen", so Aver. "Dies birgt das Risiko für die Türkei, dass die Kurden in Irak, Syrien und Türkei sich dem bewaffneten Kampf anschließen und die Teilung Irans forcieren, was wiederum die Türkei zu einem militärischen Einsatz im Iran drängen könnte."

Doch dazu scheint es zumindest momentan nicht zu kommen: Donald Trump hatte dementiert, solche Pläne zu verfolgen. "Der Krieg ist schon kompliziert genug, ohne dass man die Kurden mitmischen lässt", sagte der US-Präsident.

Angst vor weiteren Flüchtlingen im Land

Und noch etwas bereitet der Türkei Sorgen: Eine Ausweitung des Krieges könnte einen Flüchtlingsstrom auslösen. Schon vor Wochen hatte sich Ankara nach den brutal niedergeschlagenen Anti-Regierungs-Protesten im Iran auf mögliche Flüchtlinge vorbereitet – mit Betonmauern und Aussichtstürmen an der Grenze. Medienberichten zufolge gibt es inzwischen Pläne für Auffanglager auf der iranischen Seite.

Schon jetzt ist die Türkei überfordert mit den rund vier Millionen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, betont Aydin. "Wenn da noch andere kämen, das wäre ein Sprengstoff. Das würde die Regierung massiv unter Druck setzen und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung noch weiter befeuern. Es würde die Türkei massiv destabilisieren und auch die Popularität der Regierung noch mal schmälern – und die Popularität der Regierung ist ja schon sehr angeschlagen."

In der Türkei hat der Angriff Israels und der USA auf den Iran auch zu der Sorge geführt, dass eine israelische Offensive als Nächstes die Türkei treffen könnte. Bereits seit längerem gibt es Spannungen zwischen Tel Aviv und Ankara. "Dies führt trotz innenpolitischer Spannungen und zunehmender Autokratisierung dazu, dass die Opposition in solch einem Falle hinter der Regierung steht", meint Aver. "Die Opposition strebt zwar einen Machtwechsel an, aber dies müsse, ohne externe Eingriffe, durch Wahlen innerhalb der Türkei geschehen."

Mit Informationen von dpa, Reuters, AFP

Karte zur militärischen Lage im Nahen Osten

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Bildrechte: Iranian Red Crescent Society/Handout via REUTERS
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