Ein deutlicher Vorsprung in den Umfragen, den Wahlsieg vor Augen – so sah die Welt der baden-württembergischen CDU noch zum Jahreswechsel aus. Doch seitdem hat sich viel getan.
Wer das Erbe von Winfried Kretschmann antritt, ist aktuell wieder vollkommen offen. Kretschmann hat das Bundesland 15 Jahre lang regiert – als erster und bisher einziger grüner Ministerpräsident. Auch wenn der Bundestrend für die Grünen seit Längerem ein negativer ist, macht sich Spitzenkandidat Cem Özdemir Hoffnungen, die Villa Reitzenstein, den Amtssitz des Ministerpräsidenten in Stuttgart, in grüner Hand zu halten.
Aber wie grün ist Özdemir überhaupt? "Hier stehen die baden-württembergischen Grünen zur Wahl, nicht die Bundesparteien, nicht unsere Schwesterparteien", sagt Özdemir im BR-Interview. "Schwesterparteien" - als gäbe es zwischen seinen Grünen und den anderen Landesverbänden der Partei ein Verhältnis wie zwischen CDU und CSU.
Özdemir mit Distanz zum Rest der Grünen
Warum die Distanz? Der Landesverband in Berlin hat für die Abgeordnetenhauswahl ein Programm verabschiedet, das sogar die taz als "linken Überbietungswettbewerb" bezeichnet (externer Link). Häufig gibt es Ärger um schrille Töne aus der Grünen Jugend. Und das Abstimmungsverhalten mancher Grüner im Europaparlament beim Mercosur-Abkommen sorgte bei vielen für Empörung.
Özdemir will im Ländle dagegen statt links so mittig wie möglich wirken. Kretschmann ist nach wie vor beliebt im Land, seinen Kurs will Özdemir fortführen, "die Politik des Gehörtwerdens" beibehalten und sie lediglich um "ein paar Sachen ergänzen, weil die Zeit sich verändert hat", so Özdemir.
Zum Video: Landtagswahl in Baden-Württemberg
Am kommenden Sonntag wird nicht nur in Bayern gewählt, sondern auch in Baden-Württemberg.
Kretschmann-Aura und Merkel-Slogans
Das erste Thema im Wahlprogramm: Wirtschaft. Dann: Bildung. Erst an dritter Stelle kommt mit Klima das grüne Herzensthema. Neben einem wirtschaftsfreundlichen Kurs ist Özdemir auch beim Thema Migration weit weg von vielen in seiner Partei, fordert unter anderem konsequente Abschiebungen von Straftätern. Das Wahlprogramm der Grünen beginnt mit einem Grußwort des Kandidaten: "Mein Name ist Cem Özdemir. Sie kennen mich" – den Spruch kennt man von Angela Merkel.
Kretschmann-Aura, Merkel-Slogans und viel Distanz zu den Grünen im Rest des Landes - so will Özdemir die Aufholjagd zum Erfolg führen. Dass es am Ende nicht reicht, dafür will CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel sorgen.
CDU in Umfrage nur noch knapp vorne
In der letzten Infratest-Umfrage rückten die Grünen (27 Prozent) weiter heran, noch ist die CDU aber knapp vorn (28 Prozent). Ein großes Problem für Hagel: Auch kurz vor der Wahl gibt die Hälfte der befragten Baden-Württemberger an, ihn nicht zu kennen.
"Das stört Journalistinnen und Journalisten viel mehr als mich, weil sonst hätten sie ja überhaupt nichts zu berichten", sagt Hagel zu BR24. Wenn er im Land unterwegs sei, seien alle Veranstaltungen "proppevoll gefüllt". Ungewollte Aufmerksamkeit bekam der 37-Jährige im Wahlkampfendspurt durch ein acht Jahre altes Interview, in dem er von den "Rehaugen" einer Realschülerin schwärmt. Es gab Sexismus-Vorwürfe, Hagel nannte seine damalige Aussage "Mist".
Hagel kokettiert mit Deutschland-Koalition
Die AfD liegt in Umfragen bei 18 Prozent, alle anderen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit ihr ausgeschlossen. Es könnte deswegen auf eine erneute Koalition aus CDU und Grünen hinauslaufen. Hagel kokettiert dennoch mit einer sogenannten Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP, auch wenn sich dafür bis zur Wahl bei den Zahlen viel verschieben müsste. "Wenn ich auf die Frage der Wirtschaftspolitik oder der inneren Sicherheit schaue oder wie wir beim Bildungssystem wieder zurück aufs Treppchen kommen, dann sehen wir da innerhalb der Deutschland-Koalition große Schnittmengen", sagt Hagel.
Özdemir sieht das naturgegeben anders, mit Blick auf die gescheiterte Ampel in Berlin sagt er: "Die Leute haben noch ganz gut in Erinnerung, was eine Dreier-Koalition bedeutet. Unser schönes Baden-Württemberg hat es nicht verdient, lahmgelegt zu werden mit Dauerstreit, mit Chaos." Bei vielen Punkten stünden SPD und FDP für entgegengesetzte Pole, so der Grünen-Politiker.
Grün-Schwarz oder Schwarz-Grün?
Beide Kandidaten setzen Spitzen gegen ihren Kontrahenten: Özdemir sieht bei Hagel mangelnde Erfahrung ("ein Ministerpräsident, der Learning by Doing macht"), Hagel will Özdemir als jemanden darstellen, der in erster Linie Bundespolitiker sei ("Bei mir war Landespolitik nicht Plan B, sondern immer Plan A und man braucht einfach diese landespolitische Gravitas.")
Doch insgesamt blieb der Wahlkampf zahm – es scheint unwahrscheinlich, dass sich Hagel und Özdemir nicht an einen gemeinsamen Kabinettstisch setzen könnten. Bleibt nur die Frage: Wer ist dann Chef?
Wer mehr zum Thema erfahren will: Wie die Grünen die Aufholjagd schaffen wollen, was die CDU dagegensetzt und warum beide Spitzenkandidaten auch immer wieder nach Bayern blicken. Baden-Württemberg - Wie Grüne und CDU um das Kretschmann-Erbe kämpfen
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

