Wenn die "Mehrwertsteuer" so hieße, wie sie sich anfühlt, müsste sie "Mehrkostensteuer" heißen. Entsprechend unbeliebt ist sie. Da klang es vielversprechend, dass diese Verbrauchersteuer zum Jahreswechsel zumindest in einem Bereich gesenkt wurde: Seit Januar gilt für Gaststätten ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz auf verkaufte Speisen von sieben statt 19 Prozent.
Rechnerisch also zwölf Prozentpunkte weniger Steuer auf Putenschnitzel mit Salat und Bedienung. Welches daher statt zuvor - zum Beispiel - 18 Euro ab jetzt nur noch rund 16 kostet - oder? Der erste Eindruck vieler "Essengeher": Nicht wirklich. Eher ganz und gar nicht.
Datenanalyse von 34.000 Betrieben in ganz Deutschland
Eine aktuelle Datenauswertung bestätigt nun diese Wahrnehmung. Das Gastronomie-Datenanalyst-Unternehmen Meteon hat online verfügbare Speisekarten von rund 34.000 Gastronomiebetrieben in Deutschland ausgewertet. Das Ergebnis: die Preise für Essen und Getränke sind im Februar gegenüber Mitte Dezember 2025 - also vor Inkrafttreten der Steuersenkung - nur minimal gesunken. Interessant dabei: Speisen sind um magere 0,4 Prozent günstiger geworden; Getränke, für die weiterhin 19 Prozent Mehrwertsteuer gelten, aber um 0,9 Prozent.
Bayern tickt etwas anders
Im Freistaat, wo ungefähr 6.800 der untersuchten Betriebe liegen, sind die Preise laut Auswertung geringfügig gestiegen, nämlich um 0,2 Prozent auf der Speise- und 0,5 Prozent auf der Getränkekarte.
Allerdings: die Auswertung ist keine repräsentative Stichprobe, die Aussagen zur Preisentwicklung stehen nicht für alle Gastronomien. Wie stark die Tatsache, dass nur online verfügbare Preise verglichen werden konnten, das Resultat verzerrt, darüber lässt sich nur spekulieren.
Neuer Spielraum - aber nicht im Geldbeutel der Kunden
Dennoch sind die Ergebnisse der Erhebung für Fachleute nicht überraschend. Schon vor Inkrafttreten der Mehrwertsteuersenkung hatte Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte prophezeit, dass in der Landeshauptstadt kaum mit niedrigeren Preisen zu rechnen ist. Thomas Geppert vom bayerischen Hotel- und Gaststättenverband argumentiert, dass Gastronomen, statt billiger zu werden, den gewonnenen Spielraum lieber nutzen, um ihre Mitarbeiter ordentlich auszustatten und den Betrieb erhalten.
Lediglich die Fast-Food-Anbieter haben angekündigt, die Preise zu senken. Das "Happy Meal" von McDonald's etwa kostet bis auf Weiteres 50 Cent weniger als im Dezember.
Keine Preissenkung, aber Preisbremse
Verschwindet der Mehrwertsteuerrabatt also in den tiefen Taschen gieriger Wirte? Christian Haese, Mitgründer von Meoton, sieht das anders. Er ist überzeugt: "Ohne die steuerliche Entlastung wären die Preise in der Gastronomie heute vermutlich deutlich höher."
Das liegt – abgesehen von den steigenden Kosten für Lebensmittel und Energie und den besonders in Innenstadtlagen oft (g)astronomischen Miet- und Pachtkosten – vor allem am Mindestlohn, der zeitgleich mit der Mehrwertsteuersenkung von 12,82 Euro auf 13,90 Euro brutto pro Stunde gestiegen ist, also um 8,42 Prozent. Haese: "Die Mehrwertsteuersenkung wirkt – aber nicht als Preissenkung, sondern als Bremse gegen Preiserhöhungen."
Grafik: So setzt sich der Preis für Restaurantgerichte zusammen
Grafik: So setzt sich der Preis für Gerichte durchschnittlich zusammen
Das Bierglas: nicht billiger, aber doch halbvoll?
Es verhält sich mit der Mehrwertsteuersenkung also wie mit dem berühmten "halbvollen oder halbleeren" Glas (oder auch Geldbeutel). Skeptiker argumentieren, dass sie sich den Restaurantbesuch nun auch nicht öfter leisten können als zuvor, obwohl sich der Staat den Gastro-Rabatt einiges kosten lässt. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Dominika Langenmayr von der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt beziffert den Steuerausfall auf mindestens 3,6 Milliarden Euro – pro Jahr.
Befürworter halten dagegen, dass die (nun gewissermaßen staatlich subventionierte) Mindestlohnerhöhung für Koch und Kellner dem eklatanten Personalmangel in der Gastronomie entgegenwirkt – und hoffentlich das Wirtshaussterben auf dem Land ein bisschen einbremst.
Fatalisten wiederum können sich für heute Abend einen Tisch in ihrem Stammlokal reservieren: Bevor der Wirt die Preise im nächsten Jahr unter Verweis auf die zweite Stufe der Mindestlohnanhebung und die Folgen des Irankriegs vielleicht wieder kräftig anhebt.
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