Links US-Präsident Donald Trump, hinter ihm F-16 Kampfjets, in der Mitte Dr. Marcus Keupp, Militärökonom und Dozent an der ETH Zürich, rechts Russlands Präsident Wladimir Putin, hinter ihm ein Drohnen-Schwarm.
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Militärökonom: Warum Kriege falsch eingeschätzt werden.
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Militärökonom: Warum Kriege falsch eingeschätzt werden.

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Militärökonom: Warum Kriege falsch eingeschätzt werden

Militärökonom: Warum Kriege falsch eingeschätzt werden

Ob Kriegsdauer oder Siegchancen – oft werden Kriege von Politikern und Medien falsch vorhergesagt. Warum? Was sind Kriegsmythen und wie verhindert man Kriege? Militärökonom Marcus Keupp im "7 Fragen Zukunft"-Interview.

Über dieses Thema berichtet: 7 Fragen Zukunft am .

Krieg in Europa, Krieg im Nahen Osten: Die Kriege der Gegenwart toben an mehreren Fronten – doch wer gewinnt am Ende? Sowohl Donald Trump im Iran als auch Wladimir Putin in der Ukraine lagen mit ihren Vorhersagen bezüglich der Kriegsdauer falsch. Im Interview bei "7 Fragen Zukunft" mit BR-Chefredakteur Christian Nitsche erläutert Marcus Keupp, Militärökonom und Dozent für Berufsoffiziere an der ETH Zürich, auf welche Kriegsmythen wir oft reinfallen.

Christian Nitsche: Wie wichtig sind Zahlenverhältnisse – also Soldaten, Munition, Waffensysteme?

Marcus Keupp: Am Anfang nicht so sehr, aber immer wichtiger, je länger der Krieg dauert. Es ist nicht so wichtig, wie viele Mittel habe ich am Anfang zur Verfügung, sondern wichtig ist: Wie schnell und wie dauerhaft kann ich diese Mittel ersetzen? Die Presse und Journalisten fallen immer auf diesen Punkt rein: "Wie viel hat er denn am Anfang?"

Wenn wir uns an den Beginn des russisch-ukrainischen Krieges erinnern, da war vor allem die englischsprachige Presse voll mit den Begriffen wie "outgunned" und "outnumbered" (dt. Unterlegenheit was Waffen und Personal angeht, Anm. d. Red.), weil man einfach gesagt hat: Ich nehme die Liste her und zähle einfach durch, wie viele Panzer hat Russland, wie viele Panzer hat die Ukraine, wie viele Hubschrauber hat Russland usw. Da komme ich natürlich auf eine furchtbare numerische Überlegenheit.

Nitsche: Die aber weniger eine Rolle spielt?

Keupp: Ja, denn was man dabei nicht sieht, ist erstens die Einsatzfähigkeit dieses Materials – und das war ja für viele die Überraschung, dass wir dann im März 2022 gesehen haben: diese Panzer, die bleiben einfach liegen. Und wieso? Weil sie kein Treibstoff haben. Wo ist der Treibstoff? Den haben korrupte Offiziere gestohlen und auf dem Schwarzmarkt verkauft. Also so etwas sieht man dann halt (vorher, Anm. d. Red.) nicht.

Aber viel wichtiger ist dann eben: Was passiert, nachdem der Panzer abgeschossen wird? Also wir sehen: Die Ukraine wehrt sich zunächst mit improvisierten Mitteln, also schießt mit NLAWs und mit Javelins diese Panzer ab.

Und jetzt schiebe ich (Russland, Anm. d. Red.) die Panzer nach. Wo kommen die her? (…) Und dann merken sie, das ist keine Neuproduktion, sondern die kommen aus den sowjetischen Lagern. (…) Und 2024 kam dann das Thema Satellitenfotos. Und dann wurde das Netz so langsam immer voller mit diesen Satelliten, weil es dann erstmals auch kommerzielle Satelliten gab, die das beobachtet haben. Und dann hat man wirklich gesehen: vorher, nachher. Das Lager Sommer 2021 und das Lager Sommer 2024. Und plötzlich merken sie, es ist nichts mehr drin.

Im Video: Militärökonom Marcus Keupp: Was sind die größten Kriegsmythen?

Nitsche: Ist es so, dass jemand, der einen Krieg riskiert, gar nicht wissen kann, wie lange das dauert, bis er wieder rauskommt und ob er gewinnt?

Keupp: Ja, das ist definitiv so. Und deswegen würde ich auch sagen, Sie sollten sich das sehr genau überlegen. Nicht nur, wie viel Ressourcen haben Sie zu Beginn des Krieges, weil die können nämlich sehr schnell weg sein, wenn Sie nicht damit rechnen, dass der Krieg länger dauert. Sondern entscheidend ist eigentlich die langfristige Nachschubfähigkeit. Also sprich, wenn Ihre initialen Ressourcen weg sind - im Militär sagt man dazu, wenn Sie ausgeschossen sind - wie lange dauert es dann, bis Sie Nachschub haben?

"Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt"

Nitsche: Wie oft haben sich Politiker dabei schon verschätzt, was die Kriegsdauer und die Gewinnchancen betrifft?

Keupp: Ich würde sagen: ständig. Ich glaube, Moltke der Ältere hat gesagt: "Kein Plan überlebt den ersten Feindkontakt." Und so ist es meistens auch. Also man geht mit einer gewissen Erwartungshaltung und mit mehr oder weniger Vorbereitung und mit einem Bestand an Ressourcen (in den Krieg, Anm. d. Red.) hinein. Aber Sie haben halt nur unvollständige Informationen über Ihre eigene Leistungsfähigkeit.

Manchmal finden Sie erst im Krieg heraus, dass Sie eigentlich gar nicht so leistungsfähig sind, wie Sie sich das immer gedacht haben. Das Osmanische Reich zum Beispiel macht eben Ende 19. Anfang 20. Jahrhundert mehrfach diese Erfahrung, dass seine ehemals wirklich starke Militärmacht innerlich erodiert ist.

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Feierlichkeiten anlässlich der Verkündigung des heiligen Krieges durch das Osmanische Reich vor der Fatih Moschee in Istanbul, 1914.

Es kann aber auch in die Gegenrichtung gehen, also dass Sie im laufenden Krieg so stark unter Druck kommen, dass Sie sagen, wir können nicht so weitermachen wie bisher, wir müssen irgendwas ändern oder wir müssen neue Technologien erfinden oder irgendeine andere Form der Kriegführung den Gegner aufzwingen.

Weil wenn wir so weitermachen, gehen wir unter. Das sehen Sie auch im russisch ukrainischen Krieg. Also die ganzen technologischen Innovationen: Drohnen oder jetzt Unmanned Ground Vehicles, also Roboterfahrzeuge, da ist eigentlich die Überlegung, dass man sagt: Wir können nicht so weitermachen mit dieser bisherigen Abnutzung, sondern wir müssen eine neue Art und Weise finden, wie wir diesen Krieg fortsetzen können, auf die der Gegner nicht vorbereitet ist.

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Roboterkriege: Die automatisierten Mini-Panzer, die die Ukraine an die Front schickt.

"Kriege verhindert man durch Demonstration von Entschlossenheit"

Nitsche: Die wichtigste Frage, das wichtigste Credo: Wir wollen ja Kriege verhindern. Wie?

Keupp: Kriege verhindert man am besten durch Demonstration von Entschlossenheit, indem man dem Gegner klar macht: Selbstverständlich kannst du mich angreifen, ich kann dich nicht daran hindern – aber überleg dir doch mal, ob das wirklich so eine gute Idee ist für dich. Das Dispositiv der europäischen Armeen im Kalten Krieg folgte eigentlich auch dieser Überlegung. Man weiß ganz genau, man ist konventionell unterlegen gegenüber den sowjetischen mechanisierten Divisionen. Was man aber kommunizieren kann, ist: Natürlich könnt ihr rüberkommen, aber wir können euch so lange verzögern und aufhalten, bis die Amerikaner irgendwann sagen: Jetzt ist Schluss oder es gibt einen Nuklearschlag. Sprich, ihr könnt das schon machen, aber damit nehmt ihr eine komplette Vernichtung eurer eigenen Machtmittel und damit auch eine möglicherweise Vernichtung eurer eigenen Staatsform oder auch eigenen Herrschaft in Kauf. Also das Mittel der Wahl ist Abschreckung, kommuniziert durch Entschlossenheit.

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Dr. Marcus Keupp im Gespräch mit BR-Chefredakteur Christian Nitsche bei der Aufzeichnung von "7 Fragen Zukunft".

Die Frage ist für mich primär: Haben wir als heutige Gesellschaften diese Entschlossenheit? Ich würde sagen: nein, zumindest in Deutschland nicht. In Polen würde ich sagen: auf jeden Fall. In Deutschland wäre das beste Szenario, dass man langsam wieder beginnt, diese Entschlossenheit aufzubauen. Also dass man merkt, es geht nicht so weiter, wie wir die letzten 30 Jahre bequem gelebt haben. Es geht aber natürlich auch nicht zurück in die Welt unserer Großeltern, sondern es geht in eine andere, sehr viel technologiestärkere Welt.

Nitsche: Vielen Dank für das Gespräch.

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