Ajatollah Ali Chamenei war die Kernfigur des religiösen und politischen Lebens im Iran – er führte die Islamische Republik Jahrzehnte mit harter Hand. Keine wichtige Entscheidung ohne seine Zustimmung, egal ob es um Außenpolitik ging, gesellschaftliche Fragen oder die Streitkräfte.
Sein Tod bedeutet eine Zäsur für den Iran. Zwar gibt es für Chamenei – wie für alle zentralen Führungspositionen – bis zu vier Stellvertreterebenen, um die Kommando- und Machtstrukturen zu sichern. Doch wer ihm als Obersten Führer nachfolgt, ist noch nicht bekannt.
Ein Trio für die Übergangsphase
Und das komplexe Geflecht aus religiösen und militärischen Institutionen macht Beobachter zufolge eine Vorhersage der weiteren Entwicklung schwierig – auch weil noch unklar ist, wie viele und welche Entscheidungsträger die Angriffe überlebt haben – und wer in den andauernden Angriffen noch getötet werden könnte.
Was schon bekannt gegeben wurde: Zunächst soll ein Trio um den iranischen Präsidenten Massud Peseschkian in der Übergangsphase die Führung im Land übernehmen. Neben Peseschkian seien Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des sogenannten Wächterrats mit der Aufgabe betraut worden, berichtete das Staatsfernsehen und berief sich auf einen Berater Chameneis, Mohammad Mochber.
Kandidaten für Chameneis Nachfolge
Für die Nachfolge Chameneis wurde in der Vergangenheit sein Sohn, Modschtaba Chamenei, oft als möglicher Kandidat gehandelt, ebenso wie Hassan Chomeini, der Enkel des Staatsgründers. Es ist jedoch unklar, ob sie die Angriffe überlebt haben. Zu den einflussreichsten Geistlichen im Land zählen außerdem Sadegh Laridschani, ein Bruder des Chamenei-Beraters Ali Laridschani, das Mitglied des Expertenrats Mohsen Araki sowie der Teheraner Prediger Ahmad Chatami.
Ein zentrales Problem ist laut Experten aber das fehlende politische Gewicht möglicher Erben: Keiner von ihnen verfügt über das Ansehen Chameneis und könnte es schwer haben, sich gegen rivalisierende Interessengruppen durchzusetzen.
Einfluss der Revolutionsgarden
Die Revolutionsgarden gehören dabei zu den mächtigsten Akteuren. Ihr Kommandeur Mohammed Pakpur wurde bei den Angriffen am Samstag getötet. Trotz möglicher Verluste in der Führungsebene dürften die Garden eine entscheidende Rolle bei der Neuordnung der Macht spielen.
Gewählt wird der Oberste Führer letztlich vom sogenannten Expertenrat. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die Wahl von Chameneis Nachfolgers in Hinterzimmern durch die mächtigsten Akteure des Regimes ausgehandelt wird und der Rat dies lediglich formal bestätigt.
Trump sieht "geeignete Kandidaten"
Auch aus dem Ausland kommen Wortmeldungen zur Nachfolgersuche: So hat sich der Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, Reza Pahlavi, erneut als Übergangsführer ins Spiel gebracht. Er gilt als eine der einflussreichsten Oppositionsstimmen im Ausland. "Viele Iraner haben mich, oft trotz lebensbedrohlicher Situationen, gebeten, diesen Übergang zu leiten", schrieb Pahlavi in der "Washington Post". Er wolle ihrem Ruf folgen und den Weg hin zu einer neuen Verfassung freimachen.
Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump erklärte, die Bevölkerung des Iran habe nun die "Chance", sich ihr Land "zurückzuholen". In einem Interview mit dem Sender CBS News teilte Trump außerdem mit, er habe mehrere Kandidaten für die Führung des Iran im Blick. Auf die Frage, ob es jemanden gebe, den er gerne an der Spitze des Irans sehen würde, sagte der US-Präsident: "Es gibt einige gute Kandidaten." Namen nannte Trump allerdings nicht.
Beharrkräfte des Systems
Israel und die USA wollen einen kompletten Machtwechsel – aber das scheint Experten zufolge kurzfristig unwahrscheinlich: Das Herrschaftssystem hat sich in den fast 50 Jahren seit der Revolution massiv gefestigt und kontrolliert über seinen vielschichtigen Sicherheitsapparat das öffentliche Leben.
Die Islamische Republik könne "den Verlust mehrerer Schlüsselfiguren verkraften", genauso wie mehrtägige Luftangriffe, schrieb etwa Thomas Juneau, Professor an der kanadischen Universität Ottawa, in den sozialen Medien. Solange sich die Nachfolger auf Polizei, Militär, Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen stützen können, um mögliche Proteste zu unterdrücken und es keine Palastrevolte innerhalb der Führungszirkel gibt, dürfte das System Bestand haben.
Mit Informationen von dpa, Reuters und AFP
BR24 auf TikTok: Chameneis Sohn = Neuer Oberster Führer im Iran?
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