Mark Rutte hatte sich auf seine Visite bei Donald Trump gründlich vorbereitet. Der Nato-Generalsekretär wusste, dass die Auftritte im Oval Office mit den allesamt in goldfarben eingerahmten Porträtbildern und Spiegeln durchaus ungemütlich werden können. Die Angewohnheit des US-Präsidenten war bekannt, seine Gäste in Anwesenheit der Presse sowie seiner meist stumm auf dem Sofa sitzenden Vize-Präsidenten J.D. Vance und Verteidigungsminister Pete Hegseth mitunter harsch zu behandeln.
Rutte verweist auf erhöhte Verteidigungsausgaben
Rutte griff zu einem eindrucksvollen Hilfsmittel: Er präsentierte anhand großer Charts, wie massiv die europäischen Nato-Mitglieder ihre Verteidigungsausgaben erhöht haben. Damit wollte Rutte den stets wiederkehrenden Vorwurf Trumps entkräften, die Nato-Partner würden sich ihre Sicherheit von den USA bezahlen lassen. "In dieser Grafik geht es um die 'Trump-Billionen'", sagte Rutte und zeigte auf eine steil aufsteigende Balkengrafik. Sie stellte den Anstieg der Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten und Kanadas seit Trumps erstem Amtsantritt 2017 bis heute dar.
Der Anstieg habe mit der Bedrohung durch Russland zu tun, aber sei vor allem auf Trump zurückzuführen. Die Worte "The Trump Trillion" (Billionen auf Deutsch) hatte Rutte in goldfarbenen Buchstaben hervorheben lassen. Niemand seit US-Präsident Dwight D. Eisenhower hätte dies erreichen können als eben Donald Trump, lobte der Nato-Generalsekretär: "Das bedeutet, dass die Europäer ihre Verteidigungsausgaben an das Niveau der Vereinigten Staaten angleichen."
Sarkastisch bemerkte die "New York Times": Rutte habe sich im Oval Office wie ein Politiklehrer bewegt, "der einer Klasse, zu der auch Trumps Verteidigungsminister Pete Hegseth gehörte, die Grundlagen der Verteidigungsausgaben erläuterte".
Trump bleibt bei seinen Vorwürfen an die Europäer
Seit dem amerikanisch-israelischen Angriffskrieg gegen den Iran ist bei Trump die Verärgerung darüber groß, dass die europäischen Nato-Staaten den USA "nicht geholfen" hätten – weder während des Kriegs noch bei der Sicherung der Straße von Hormus. Die berechtigte Klarstellung der europäischen Bündnispartner, sie seien erstmals vorab nicht informiert worden und würden zweitens keinen Anlass sehen, Washington gemäß des Nato-Beistandsartikels 5 zu unterstützen, wird vom US-Präsidenten als lahme Ausreden betrachtet.
Im Oval Office wiederholte der US-Präsident seine Kritik: "Ich will einfach nur ihre Loyalität. Wir sind ihnen gegenüber so loyal, wir kämpfen immer für sie", sagte Trump. Er sei enttäuscht von Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien. Knapp zwei Wochen vor dem Nato-Gipfeltreffen in Ankara galt Ruttes Hauptaugenmerk in Washington einer einzigen Sorge: dass Trump die Zusammenkunft der Allianz aus Verärgerung über die angeblich mangelhafte Unterstützung der europäischen Bündnispartner im Irankrieg ruinieren könnte. So ließ der Nato-Generalsekretär nicht alle Vorwürfe Trumps unkommentiert im Raum stehen. Deutschland werde von 2021 bis 2029 seine Verteidigungsausgaben verdoppelt haben, stellte Rutte klar. Auch die Niederlande, Polen, die nordeuropäischen und baltischen Nato-Länder hätten die Verteidigungsanstrengungen massiv erhöht.
Merz: "Stärkeres Europa innerhalb einer stärkeren Nato"
Auch bei der Zusammenkunft der sogenannten E5-Staaten am Mittwochabend in Berlin machten die Regierungschefs von Italien, Polen, Großbritannien, Deutschland und Frankreichs Staatspräsident Macron klar: Wir haben verstanden. Amerikas Bündnispartner in Europa wollen eine stärkere Rolle bei der Verteidigung des Kontinents übernehmen. "Wir wollen die Allianz erneuern. Wir stärken den europäischen Pfeiler", sagte der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). In ihrer gemeinsamen Erklärung bekräftigen die fünf europäischen Nato-Mitglieder "ihr unerschütterliches Bekenntnis zur euro-atlantischen Sicherheit und zur transatlantischen Verbundenheit".
Zudem, und dies ist das zweite Ziel, das die europäischen Bündnispartner auf dem Nato-Gipfel vom 7. bis 8. Juli in Ankara erreichen wollen: Die Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen die russischen Invasoren werde fortgesetzt. Dafür stehen mittlerweile die Chancen besser, dass Washington seine vormals skeptische bis feindselige Haltung gegenüber der Ukraine zu den Akten legt. Seit kurzem ändert US-Präsident Trump seine Wortwahl gegenüber der Ukraine, von konfrontativer Verachtung zu bemerkenswerter Achtung. Präsident Selenskyj sei "mutig". Trump sei beim G7-Gipfel in der vergangenen Woche "äußerst beeindruckt und begeistert" von der jüngsten Serie ukrainischer Fernangriffe auf Ziele tief im Inneren Russlands, wie die "Financial Times" unter Berufung auf eigene Quellen berichtet.
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