Ein russischer Panzer feuert seine Kanone von einer Stellung nahe der Grenze zur Ukraine in der Region Belgorod, Russland, auf ukrainische Truppen ab.
Ein russischer Panzer feuert seine Kanone von einer Stellung nahe der Grenze zur Ukraine in der Region Belgorod, Russland, auf ukrainische Truppen ab.
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Ob Russland einen Krieg gegen die NATO wagt, hängt auch davon ob, wie viel Putin dem Westen zutraut.
Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited
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Ob Russland einen Krieg gegen die NATO wagt, hängt auch davon ob, wie viel Putin dem Westen zutraut.

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Russische Bedrohung: "Verlockung eines kurzen Krieges ist enorm"

Russische Bedrohung: "Verlockung eines kurzen Krieges ist enorm"

Russland schafft es seit Jahren nicht, die Ukraine zu besiegen – und soll trotzdem die Nato bedrohen? Militärexperte Gustav Gressel erklärt, warum genau das keine Entwarnung ist.

Über dieses Thema berichtet: Possoch klärt am .

Was wäre, wenn morgen Krieg wäre? Europa wäre mitten im Umbau seiner Streitkräfte – und damit besonders verwundbar. Gustav Gressel, Hauptlehroffizier und Forscher an der Landesverteidigungsakademie Wien und einer der profiliertesten Kenner russischer Militärstrategie, sagt im BR24-Interview für "Possoch klärt", warum er einen russischen Angriff auf die Nato für möglich hält – und was Europa jetzt tun muss.

BR24: Was wäre, wenn morgen bei uns Krieg wäre?

Gustav Gressel: Deutschland und Europa stehen gerade in einer Transformationsphase: Abgeschaffte Fähigkeiten werden wieder eingeführt, gleichzeitig läuft die Umrüstung auf neue Anforderungen wie Drohnenkrieg und Digitalisierung. Mitten darin von einem Krieg überrascht zu werden, ist selten vorteilhaft – ähnlich wie die Briten 1939, die erst 1937/38 begonnen hatten, wirklich aufzurüsten, und dann der Wehrmacht hinterherstanden.

"4.000 FPV-Drohnen täglich – das zermürbt auch die Nato"

BR24: Russland schafft es seit vier Jahren nicht, die Ukraine zu besiegen. Wie soll das gegen die Nato gehen?

Gressel: Solange die Nato geschlossen und einsatzbereit dasteht und Russland in der Ukraine gebunden ist, wird Putin es nicht probieren. Aber die Nato ist durch Trump gerade nicht so geschlossen, wie sie sein sollte. Und wenn ich die europäischen Landstreitkräfte betrachte: Mehr als die Hälfte entfällt auf Türkei und Griechenland – beide aus verschiedenen Gründen nur bedingt verfügbar. Die übrigen Nato-Armeen sind numerisch kleiner als die russischen Streitkräfte, weniger interoperabel und haben kaum Kampferfahrung in der Drohnenkriegsführung. Russland setzt täglich rund 4.000 FPV-Drohnen gegen die Ukraine ein. Würden die auf Nato-Streitkräfte losgelassen, würden Abnutzungen in Material und Personal nach wenigen Wochen ernsthafte Probleme bereiten.

BR24: Im Sommer sagten Sie: Der Krieg gegen die Nato kommt zu 100 Prozent. Gilt das noch?

Gressel: Die Absichten Russlands sind unverändert – es will zur vorherrschenden Macht in Europa werden, notfalls mit militärischer Gewalt. Was sich geändert hat: Die Europäer haben zumindest begriffen, dass sie selbstständig rüsten und vorsorgen müssen. Die Grönland-Krise hat gezeigt, dass sie auch vor dem Gedanken, sich im Extremfall selbst verteidigen zu müssen, nicht mehr zurückschrecken. Viel hängt jetzt davon ab, ob die Europäer die Ukraine unabhängig am Leben erhalten und die Lehren aus dem Ukraine-Krieg in ihre eigenen Streitkräfte implementieren.

Im Video: Plant Putin den großen Krieg, während wir nicht hingucken? Possoch klärt!

Der Suwałki-Korridor: 40 Kilometer bis zur Katastrophe

BR24: Eine Kriegssimulation von "Welt" und Bundeswehr-Universität [externer Link] zeigt: Russland könnte das Baltikum schnell vom Rest der Nato abschneiden. Wie realistisch ist das?

Gressel: Das Szenario zeigt vor allem die Schwäche des Verteidigers: Der Aggressor hat die Initiative, bestimmt Zeitpunkt und Ort. Die Einsatzbereitschaft der vielen Nato-Mitglieder ist unterschiedlich, Verlegungen dauern – und genau diese Zeit kann ein Angreifer nutzen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Verlockung eines kurzen Krieges ist in der Geschichte enorm hoch. Putin könnte sich in einer Situation sehen, in der er glaubt, mit einem schnellen Schlag die politische Lage zu seinen Gunsten entscheiden zu können – ähnlich wie Hitler, der den Polenfeldzug nur als kurzen Waffengang plante und darauf setzte, Frankreich und Großbritannien herauszuhalten. Es kam anders.

BR24: Und wenn die Nato eben standhält?

Gressel: Dann wird es für Russland sehr schwer. Europa braucht zwar Zeit, Truppen zu mobilisieren – hat aber industrielles und innovatives Potenzial, das sich mit der Zeit zu einem entscheidenden Faktor entwickelt. Die Frage ist dann, ob die Europäer den Krieg auch politisch durchhalten, ob ihre Gesellschaften dahinterstehen und ob sie externe Faktoren wie die chinesische Unterstützung für Russland beeinflussen können. Russland unterschätzt die Europäer traditionell – und das könnte sein größter Fehler sein.

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