Der syrische Übergangspräsident Ahmad al-Sharaa gilt keineswegs als unproblematischer Hoffnungsträger. Zwar führte er Ende 2024 die Kräfte an, die das Regime von Diktator Baschar al-Assad zu Fall brachten. Zugleich arbeitete er über Jahre hinweg mit Personen und Gruppierungen zusammen, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehen oder nahestanden. Zu diesem Umfeld zählen zahlreiche sogenannte Dschihadisten, darunter auch tausende ausländische Kämpfer. Viele dieser Islamisten wuchsen in westlichen Ländern auf, auch in Deutschland beziehungsweise Bayern, und reisten später nach Syrien, um dort für einen Gottesstaat zu kämpfen. Von ihnen fanden sich viele in islamistischen Gruppierungen wieder, darunter auch solche im Umfeld von al-Sharaa – sie gingen also nicht nur zum sogenannten Islamischen Staat, wie häufig fälschlich suggeriert wird.
Offene Sicherheitsfragen
Nun sollte al-Sharaa am Montag und Dienstag nach Berlin kommen. Aber jetzt hat er den Termin verschoben. In Syrien hatte die Gewalt in den vergangenen Tagen wieder zugenommen und es war zu neuen militärischen Konfrontationen gekommen.
Auf BR-Anfrage teilt das Bundesinnenministerium mit, dass sich weiterhin Dschihadisten mit Deutschlandbezug im erweiterten Umfeld des Übergangspräsidenten aufhalten. Die Zahl liege im hohen zweistelligen Bereich.
Deutsche Kämpfer Teil der syrischen Streitkräfte?
Bekannt ist, dass ein Teil der ausländischen Kämpfer aus dem Umfeld al-Sharaas in die syrische Armee integriert wurde. Möglicherweise wurden auch deutsche Dschihadisten in die syrische Armee aufgenommen. Laut Innenministerium muss "in Betracht gezogen werden, dass im Zuge der Integration verschiedener, auch mit al-Qaida affiliierter Gruppierungen in die syrischen Streitkräfte auch deutsche Dschihadisten diesen Schritt vollzogen haben".
Es sind an der Waffe geschulte Dschihadisten, die – nach BR-Recherchen – über Jahre hinweg in sozialen Netzwerken gegen den Westen hetzten und den 2011 getöteten al-Qaida-Führer Osama bin Laden verehrten. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums werden sie von deutschen Sicherheitsbehörden strafrechtlich verfolgt. Wie die syrische Regierung zu den Vorwürfen steht, bleibt offen. Eine Anfrage ans Informationsministerium blieb unbeantwortet.
Experte: Dschihadisten bilden Regierungstruppen aus
Seit Jahren werden auch Ausländer, darunter Deutsche, Franzosen, Türken oder Tschetschenen, in einer von zentralasiatischen Islamisten geprägten Kaderschmiede ausgebildet, der bis heute in Syrien aktiven paramilitärischen Gruppe Malhama Tactical. Diese Gruppe bilde inzwischen "Regierungstruppen von Ahmed al-Sharaa sowie deren Spezialeinheiten aus", bestätigt Christoph Leonhardt vom Berliner Analyse- und Beratungsunternehmen Middle East Minds. Leonhardt zufolge reicht das Training der Malhama Tactical "von der Schusswaffenausbildung über den Einsatz von Drohnen und Panzerabwehrraketen bis hin zu Nahkampf- und Guerillataktiken".
Die Angehörigen der Malhalma Tactical seien hochideologisiert: "Insofern dürften sie auch einen ideologischen Einfluss auf die syrischen Armeeeinheiten haben", sagt Leonhardt. Letztendlich bedrohten die Angehörigen der Ausbildungseinheit "auch die Sicherheit der internationalen Gemeinschaft, da sich die Anzeichen dafür mehren, dass sie Syrien als Brückenkopf für andere Konfliktherde benutzen wollen".
Der Terrorismus-Experte Hans-Jakob Schindler von der transatlantischen Denkfabrik Counter Extremism Project sagt, dass der Übergangspräsident auf ausländische Dschihadisten angewiesen sei, um seine Herrschaft zu stabilisieren, und er wolle innerhalb des islamistischen Spektrums nicht als jemand erscheinen, der frühere Waffenbrüder verrate.
Das sagen Kurden
Gleichzeitig sind es genau diese Milizen, die für ihren Hass auf religiöse und ethnische Minderheiten wie Alawiten, Drusen oder Kurden bekannt sind. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts waren Dschihadisten, die in syrische Sicherheitskräfte integriert wurden, im vergangenen Jahr an Massakern gegen Alawiten und Drusen beteiligt. Laut Experte Christoph Leonhardt zählten dazu auch Kräfte der Ausbildungseinheit Malhama Tactical.
Zuletzt sollen auch Teile der syrischen Regierungstruppen Massaker an Kurden verübt haben, was etwa Khaled Davrisch von der kurdisch geprägten Vertretung der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien in Deutschland kritisiert.
Er fordert, dass die Bundesregierung Druck auf Damaskus ausübt, damit alle Ethnien und Bevölkerungsgruppen gemeinsam an einem neuen, demokratischen Syrien mitwirken könnten. Ein erster Schritt scheint gemacht, weil sich kurdisch angeführte Milizen und die syrische Übergangsregierung auf eine Waffenruhe geeinigt haben. Ob diese halte, werde die Zukunft zeigen, sagt Terrorexperte Schindler.
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