Birkenzweige schlagen den Soldaten ins Gesicht, die aus den Luken ihres Radpanzers heraus Ausschau halten. Sie fahren nach vorn, möglichst schnell und möglichst nah an Baumgruppen – die bieten Sichtschutz. Denn noch weiter vorn lauert der Feind. Wo genau, das sollen die Männer unter dem Kommando von Hauptfeldwebel Kevin – so sein Rufname am Funk – herausfinden. Sie sind zur Aufklärung eingesetzt.
Doch der Feind ist schneller: Er hat sie entdeckt, feuert mit Artilleriegeschützen. "Abluken", ruft Kevin seinen Männern zu. Das heißt so viel wie: Es wird gefährlich, Panzerluken dicht – weiter geht's. Unten im Panzer erhellt rotes Licht die Gesichter der Männer. Sie lassen keine Regung erkennen. Die Einschläge allerdings sind nur simuliert.
Krieg mittels moderner Technik abbilden
Der Radpanzer pflügt als einer von mehreren über einen Truppenübungsplatz in Sachsen-Anhalt. Hier, nördlich von Magdeburg, im "Gefechtsübungszentrum des Heeres", lässt sich Krieg mittels moderner Technik abbilden: An jedem Fahrzeug, an jeder Waffe sind Laser und Sensoren angebracht. Jede Bewegung wird aufgezeichnet.
Den Gegner stellt eine eigene Einheit dar. Sie kämpft so, wie es von der russischen Armee zu erwarten wäre. An Kevins Radpanzer vom Typ Boxer hinterlässt das simulierte Artilleriefeuer Spuren. Der Motor fällt aus. Die Männer können fürs Erste nur warten und hoffen.
Modernes Kriegsbild erfordert Umdenken
Auch früher wäre eine solche Situation möglich gewesen. Allerdings haben sich die Gefahren verändert. Das Schlachtfeld ist gläsern geworden. Durch Drohnen und Satellitentechnik sind Bewegungen auch über große Distanzen zu entdecken, Ziele lassen sich mit KI-Unterstützung ausmachen.
Wer mehr über den Gegner weiß und ihn schon in weiter Ferne ins Fadenkreuz nehmen kann, hat die besseren Chancen auf einen Sieg. Die Bundeswehr versucht mit Einheiten, in denen Männer wie Kevin dienen, gegenzusteuern, um auch unter heutigen Gefechtsbedingungen verteidigungsbereit zu werden.
Bundeswehr baut Mittlere Kräfte auf
Kevin dient in einer Brigade, in der die aktuellen Umbrüche besonders deutlich werden: Die Panzerbrigade 21 wird seit einigen Jahren zu einer Brigade der Mittleren Kräfte umgebaut. Den "Panzer" trägt sie zwar noch im Namen, gemeint sind damit heute aber ausschließlich Radfahrzeuge. Denn der Verband soll möglichst schnell und eigenständig von A nach B kommen – ins Baltikum etwa.
An Bord der Boxer-Radpanzer sind Soldaten, die auch zu Fuß kämpfen können. Mit den Mittleren Kräften will die Truppe eine Lücke schließen. Sie sind schneller, aber schwächer bewaffnet als schwere Kampf- und Schützenpanzer, die über weite Strecken per Bahn oder Lkw verlegt werden müssten. Zugleich sind Mittlere Kräfte besser gepanzert und schlagkräftiger als leichte Infanterie-Einheiten, die zu Fuß unterwegs sind. Brigadekommandeur Tobias Aust nennt seine Männer und Frauen die "moderne Kavallerie des deutschen Heeres".
Drohnen: Es sollen mehr werden
Unter Fichten getarnt steht im Übungsgefecht ein Kleinbus. Darin sitzen Soldaten mit Fernsteuerungen: ein Drohnentrupp, der die Landschaft in mehreren Kilometern Entfernung beobachtet.
Bei den Mittleren Kräften setzt die Bundeswehr nicht nur auf Radpanzer: Die Truppe soll künftig verschiedenste Drohnen mitführen. Solche zur Aufklärung und solche, die Ziele über große Distanzen hinweg angreifen können. Bei der Entwicklung neuer Systeme ist die Brigade eingebunden. Sie gleicht laut ihrem Kommandeur Tobias Aust "die Hochglanzbroschüren der Industrie mit der Realität in der Schlammzone ab".
Aust betont aber, dass es neben moderner Drohnentechnik auch Gefechtsfahrzeuge und deren Besatzungen brauche: Bei schlechter Sicht etwa sei kein Verlass auf Drohnen. Dann müssen Männer wie Hauptfeldwebel Kevin mit seinem Radpanzer ran.
Verzögerungen bei wichtigem System
Bis die Mittleren Kräfte aber wirklich konzeptgemäß verteidigungsbereit sind, dürfte es noch Jahre dauern. Etwa sind Kamikaze-Drohnen und ein wichtiges Waffensystem noch in der Beschaffung, also noch nicht in ausreichender Stückzahl da. Bei dem Waffensystem handelt es sich um den Schweren Waffenträger Infanterie: Das ist ein mit einem schweren Geschütz und Panzerabwehrraketen ausgestatteter Boxer-Radpanzer.
Erste Fahrzeuge kamen jüngst mit Verspätung in die Truppe. Eine Anfrage zu den Details ließ das Verteidigungsministerium unbeantwortet. Mitte 2028 soll die Brigade auch neuartige Radhaubitzen erhalten. Auch sollen die Fähigkeiten zur Drohnenabwehr ausgebaut werden. Bis es so weit ist, müssen die Soldaten mit dem improvisieren, was sie haben.
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