Die Regierung in Caracas hat die Erstürmung und Beschlagnahme eines Öltankers vor der venezolanischen Küste als "dreisten Raubüberfall" und "Akt internationaler Piraterie" verurteilt. Die Regierung in Washington hat dagegen erklärt, das Schiff habe sanktioniertes Öl aus Venezuela und dem Iran transportiert, auch zugunsten von Terrororganisationen. US-Präsident Trump hat mit Blick auf Venezuela angekündigt, es werde "noch mehr" passieren. Genaueres sagte Trump nicht. Doch deutlich wird: Nach dem Anspruch auf Kontrolle des Panama-Kanals zu Beginn seiner Amtszeit fixiert sich Donald Trump nun auf den Sturz des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro - und sieht offenbar Lateinamerika wieder als direkte Einflusszone der USA.
Trump setzt Schritt für Schritt auf Eskalation
Washington hatte den Druck auf Maduro zuletzt immer weiter erhöht. Es wurde ein Kopfgeld ausgesetzt, Trump hat Maduro per Telefonat persönlich zur Ausreise aufgefordert, die militärische Drohkulisse vor der Küste Venezuelas ist auf mehrere US-Kriegsschiffe - darunter ein Flugzeugträger - und rund 15.000 Soldaten angewachsen. Zwar halten Experten eine umfassende Bodenoffensive der USA für unwahrscheinlich, auch weil es in Trumps eigener republikanischer Partei Widerstände gegen neue Militärinterventionen jeder Art gibt. Doch Trump scheint entschlossen, Maduros Sturz auf die ein oder andere Weise zu erzwingen.
Aus Trumps Sicht werden mit dem massiven Druck auf Venezuela zwei zentrale Wahlversprechen erfüllt: Migration zu stoppen - unter Amtsvorgänger Joe Biden waren mehrere Millionen Venezolaner in die USA gekommen - und konsequent den Drogenhandel zu bekämpfen. Außerdem nimmt Trump trotz eigener autoritärer Tendenzen für sich in Anspruch, in Venezuela die Demokratie zu verteidigen: Maduro konnte sich nach übereinstimmender Einschätzung von Experten zuletzt nur durch massive Wahlfälschung an der Macht halten. Seiner zentralen Gegenspielerin María Corina Machado wurde der Friedensnobelpreis verliehen.
"Hinterhof"-Politik als Teil der neuen Sicherheitsstrategie
Trumps Druck auf Maduro fügt sich auch in die gerade veröffentlichte US-Sicherheitsstrategie ein. In dem 29-Seiten-Dokument wird der gesamte amerikanische Kontinent, also auch Süd- und Mittelamerika, als primäre Einflusszone der USA beschrieben. Dies entspricht einer Neuauflage der sogenannten Monroe-Doktrin. Ursprünglich im frühen 19. Jahrhundert formuliert, hat sie US-Präsident Theodore Roosevelt im frühen 20. Jahrhundert präzisiert: in Richtung einer Polizisten-Rolle der USA speziell in Lateinamerika. Dass viele Experten als wahren Grund für Trumps Anti-Maduro-Kampagne den Ölreichtum Venezuelas sehen, fügt sich ins Bild: Für Trump steht auch in anderen Ländern - siehe Russland und Ukraine - ganz offensichtlich der eigene wirtschaftliche Profit im Mittelpunkt.
Nach den Worten des früheren US-Diplomaten Richard Haass geht es Trump "ganz klar nicht um den jetzt beschlagnahmten Tanker". Es gehe auch nicht um den Kampf gegen den Drogenhandel, Venezuela stehe hier in Lateinamerika keineswegs im Zentrum. "Es geht um die gesamten Ölreserven des Landes, es sind die größten weltweit", sagte Haass im Radiosender NPR. Derzeit fördere Venezuela eine Million Barrel am Tag, es könne aber ein Vielfaches produzieren, so der langjährige Chef der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations. Trumps Ziel sei es, in Venezuela "eine Regierung an die Macht zu bringen, die US-Unternehmen einlädt, ins Land zu kommen."
Venezuelas Ölreichtum nur teilweise ausgeschöpft
Der Lateinamerika-Experte Günther Maihold sprach im BR24-Interview von einem beginnenden "Wirtschaftskrieg" mit dem Ziel, "einem Regimewechsel immer näherzukommen". Venezuela habe aufgrund seiner sozialistischen Ausrichtung immer mehr an Technologie für die Erdölförderung und -verarbeitung verloren, mit der Folge sinkender Erlöse und einer humanitären Krise für die Masse der Bevölkerung, so der Politikwissenschaftler von der Freien Universität Berlin. Man müsse nun sehen, ob aus den bisherigen "Nadelstichen" wie der Beschlagnahme des Öltankers eine umfassende Blockade Venezuelas werde oder ob es die USA bei einzelnen Interventionen belassen würden, so Maihold. Klar sei, dass Trump versuche, die US-Dominanz im gesamten karibischen Becken wiederherzustellen.
Nach der Kehrseite eines Sturzes Maduros gefragt, betonte der frühere US-Diplomat Richard Haass: "Man weiß nie, was stattdessen kommt". Die Erfahrung mit Regimewechseln sei aus US-Sicht durchaus zwiespältig, so Haass mit Blick etwa auf den Irak-Krieg. Der US-Experte hält es für vorstellbar, dass Trump - falls Maduro nicht freiwillig geht - zur weiteren Eskalation gezielte US-Militärschläge aus der Luft auf Ziele in der Nähe von Maduros Aufenthaltsort anordnet.
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