Auf der Pressekonferenz am Tag nach der Sachsen-Anhalt-Wahl: Mehrmals bedankt sich AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei den Journalisten für ihre Fragen. Freundlich, höflich, sympathisch – so will Siegmund sich präsentieren. Der 35-Jährige ist das Gesicht der AfD in Sachsen-Anhalt und ein Grund für ihren Erfolg in diesem Bundesland. Aber nicht der einzige.
Rückblick: Bei den Wahlkampf-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt standen die Menschen teils stundenlang Schlange, um ein Selfie mit Siegmund zu bekommen. So auch in Zeitz, im Süden von Sachsen-Anhalt, Ende August. Er sei sehr transparent und nah an den Menschen, sagte eine Frau gegenüber BR24 und ein junger Mann erklärte, dass er nun Hoffnung habe, dass sich was verändere in Deutschland.
AfD setzt auf Gefühle und Gemeinschaft
Siegmund zieht Menschen an. Dabei geht er in seinen Reden im Wahlkampf kaum auf konkrete politische Projekte ein. Wie er zum Beispiel die Wirtschaft ankurbeln will, bleibt vage. Das 258-seitige Landtags-Wahlprogramm wird von manch anderen AfD-Politikern außerhalb von Sachsen-Anhalt hinter vorgehaltener Hand als handwerklich schlecht gemacht beschrieben. Doch Siegmund und die AfD setzten beim Wahlkampf sowieso vor allem auf Gefühle.
"Unser altes, sicheres, wunderschönes Deutschland zurückzuholen" – diese Aussage wiederholt Siegmund immer wieder, auch bei der Pressekonferenz am Tag nach der Wahl. Was er genau damit meint, lässt er offen. Jeder kann seine Vorstellungen hineinprojizieren. Siegmund erzeugt ein Gefühl von Gemeinschaft und vermittelt einen Aufbruch.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder sieht in ihm eine neue Qualität von AfD-Wahlkämpfer, "der nicht nur emotional ist, sondern positiv, die Reihen schließt, ein Wir-Gefühl vermittelt", sagte Schröder im Interview mit BR24. Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler an der Universität Halle, sieht hingegen keinen großen Siegmund-Effekt. Der Spitzenkandidat habe es aber geschafft, ein AfD-Wählerpotential zu mobilisieren, das bereits vorhanden war. Die AfD hat tatsächlich massiv von der hohen Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent profitiert und sehr viele Nichtwähler an die Urnen geholt.
AfD-Wahlkampf als Familienfest
Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern verfolgt die AfD die Strategie, sich als Kümmerer-Partei zu etablieren. Im Wahlkampf veranstaltete sie Familienfeste, inklusive Bratwurst-Bude und Hüpfburg. Die Partei lud zu mehreren gemeinsamen Fahrten mit den DDR-Kultmopeds Simson ein. In Gegenden, wo viele Geschäfte und Wirtshäuser schließen, schafft die AfD so Events, die die Leute zusammenbringen. Sie setzt so auch auf eine neue Ost-Identität.
Die AfD kann dabei im Osten auf ein großes Netzwerk an Helfern bauen. Sie organisieren die Events vor Ort und sind auch im Internet für die AfD aktiv. Unterstützung bekommt Siegmund zum Beispiel von Simon Kaupert, der ihn mit Fotos und emotionalen Videos in Szene setzt. Kaupert leitet das neurechte Zentrum "Filmkunstkollektiv" und war im rechtsextremen Verein "Ein Prozent" tätig.
Auch Livestreamer haben den Wahlkampf der AfD begleitet. Sie senden teils stundenlang auf Youtube und Co. Siegmund nennt das einen "großen Vorteil in diesem Wahlkampf" und lobt den "ungefilterten Blick". Kritische Nachfragen muss er bei den Streamern kaum fürchten. Auch Spitzenkandidat Siegmund selbst bespielt Social Media gekonnt, postet unentwegt Selfies und Videos. Es ist die Macht der Bilder, auf die er setzt.
Unzufriedenheit mit der Bundespolitik ist groß
Inhaltlich hingegen war die Wahl in Sachsen-Anhalt von bundespolitischen Themen dominiert. Laut Infratest dimap liegt die Zufriedenheit mit der Bundesregierung in diesem Bundesland auf einem Rekordtief von nur 11 Prozent. Die Bundesregierung habe einen Denkzettel verdient, sagen 59 Prozent. Doch die AfD spricht längst nicht mehr nur Protestwähler an. Viele Wähler in Sachsen-Anhalt schreiben ihnen Kompetenz zu, beispielsweise bei den Themen Innere Sicherheit (40 Prozent), Asylpolitik (38 Prozent) oder auch Wirtschaft (30 Prozent) - früher punktete hier die CDU.
Für Politikwissenschaftler Lewandowsky hat der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt auch mit einer großen Unzufriedenheit zu tun. "Und zwar nicht nur mit der Bundesregierung, sondern auch einem ganz tiefsitzenden Misstrauen gegenüber den politischen Parteien", sagte der Politologe dem MDR. Dieses Misstrauen sei langfristig gewachsen.
Weitere News und Hintergründe zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026:
- 576.037 Zweitstimmen: Wer hat in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt?
- "Sensationell" bis "desaströs": Stimmen aus Bayern zur Wahl
- "Das ist Demokratie": 6 Lehren aus der Wahl in Sachsen-Anhalt
- Die AfD und ihre Machtoption: Nein oder jetzt vielleicht doch?
- Söder: Wahl in Sachsen-Anhalt "echte Zäsur" für Politik
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
