Von Staatsbesuchen nimmt der Kanzler gewonnene Eindrücke mit nach Hause, wo er sich dann beklagt, dass er beim Frühstücksbuffet in der angolanischen Hauptstadt Luanda "ein ordentliches Stück Brot" vermisst habe. Manche finden es gut, dass er frei heraus sagt, was er denkt. Doch er ist nun mal der Bundeskanzler, seine Äußerungen werden auf die Goldwaage gelegt.
Das mag man gut oder schlecht finden, ist diesem Amt aber geschuldet. Und Friedrich Merz weiß das auch. Die Staatsführung in Angola jedenfalls war nicht begeistert. Seine Aussage wurde aber auch hier in Deutschland als herablassend empfunden.
Äußerungen von Merz sorgten zuletzt immer wieder für Kritik
Nach seinem Besuch auf der Klimakonferenz in Belém, Brasilien, hält der Kanzler eine Rede in Berlin und erklärte: Die Deutschen lebten "in einem der schönsten Länder der Welt". Auf die Frage an die ihn begleitenden deutschen Journalisten, wer denn in Belém leben wolle, habe keiner die Hand gehoben. "Die waren alle froh, dass wir von diesem Ort, an dem wir da waren, wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind", sagt er weiter. Und tritt damit vielen Brasilianern auf die Füße. Diplomatisch war das wohl nicht.
Ein weiteres markantes Beispiel ist die Debatte um das "Stadtbild", bei der Merz Migration und soziale Probleme in Verbindung setzt. Zunächst bleibt unklar, was und wen er ganz konkret meint. Viele Bürger mit Migrationshintergrund sind empört, weil sie fürchten, dass sie jetzt mit "Problemfällen" in Verbindung gebracht würden. Von Diffamierung ist die Rede. Doch es gibt auch viele andere, die es für richtig halten, dass der Kanzler die Probleme beim Namen nennt, obwohl er das eben manchmal nicht sehr konkret tut, wie in diesem Fall.
Vergreift sich der Kanzler im Ton?
Friedrich Merz verwendet häufig sehr allgemeine, und griffige Formulierungen, wie das "Stadtbild", "unsere Töchter", "wir brauchen Ordnung". Das klingt in Reden kraftvoll, öffnet aber Raum für Fehlinterpretation. Wer Aussagen allgemein hält, läuft Gefahr, dass sie als Pauschalurteil verstanden werden.
Nicht wenige Politiker oder Journalisten vermuten, dass diese "Ausrutscher" kalkuliert sind. Der Demokratieforscher Oliver Decker sagt, Merz bewege sich bewusst "an einer Grenzlinie" – er äußere Ressentiments zwar nicht in explizitem Wortlaut, wisse aber, dass bestimmte Gruppen die Botschaft verstünden. So könne er beispielsweise Wähler mobilisieren, die solche Sichtweisen teilen.
Kanzler gesteht: Ich habe Fehler gemacht!
Friedrich Merz gibt Fehler zu. In der TV-Arena wird er nach der "Stadtbild"-Debatte gefragt. Selbstkritisch sagt er, er hätte sich "besser erklären" sollen und würde das heute "anders machen". Solche Momente lassen erkennen, dass ihn Ausrutscher offensichtlich doch nicht kalt lassen. Welche Strategie verfolgt der Kanzler? Ob das alles Kalkül ist, bleibt oft unklar. Der Kanzler scheint überzeugt, offen anzusprechen, was viele denken. Doch dieser Anspruch auf Klartext gerät immer wieder zum Risiko für ihn, denn wir leben in einer Gesellschaft, die sensibler geworden ist für Untertöne.
Seine Kritiker sehen in Merz‘ umstrittenen Äußerungen eine Art "Ü70-Rhetorik". Schonungslos, übertrieben, dem Alter geschuldet. Andere Beobachter wiederum vermuten, dass er "Trump-artige Provokationen" von sich gibt, die Aufmerksamkeit erzeugen, um dann zu schauen, wie sich diese politischen Testballons entwickeln. Seine Anhänger hingegen beschreiben und verteidigen ihn als unbequemen, aber authentischen Realisten. Einer, der genau wisse, was er sagt, weil er einen politischen Plan verfolgt. Und man könne es nun mal nicht allen recht machen. Das wisse der Kanzler und lasse sich von seiner Überzeugung leiten.
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