Larissa ist 53 Jahre alt, lebt mit ihrer Tochter, die eine Behinderung hat, in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. In diesem Winter haben sie schon viele schwierige Stunden erlebt. Stundenlange Stromausfälle, keine Heizung, Dunkelheit.
Das Handy lädt die 53-Jährige meist auf in einem der sogenannten "Punkte der Unzerstörbarkeit". Diese Zelte oder andere öffentliche Orte sollen in vielen Städten der Ukraine Hilfe in diesem harten Winter bieten. Larissas Antwort auf die Frage, ob sie für Gebietsabtretungen im Donbass stimmen würde lautet: Nein. "Zu viele Menschen sind dafür gestorben", sagt sie.
Auch Darya, eine junge Frau aus der Hauptstadt Kiew, in der seit fast drei Wochen Millionen Menschen ohne Strom und Heizung sind, nach heftigen russischen Angriffen mit Hunderten von Drohnen und Raketen, sagt: Niemals. Ihre Bekannten würden genauso denken.
Der Druck wächst von allen Seiten
Hat dieser härteste Winter seit Kriegsbeginn vor fast vier Jahren die Haltung der Ukrainer verändert? Sind nach Monaten im Dunkeln und bei Minusgraden die roten Linien noch da?
Die Frage ist drängender denn je. Laut Financial Times verknüpfen die USA Sicherheitsgarantien für die Ukraine mit territorialen Zugeständnissen – konkret: Abtretung des Donbass an Russland. In Abu Dhabi fanden am 23. und 24. Januar trilaterale Gespräche zwischen den USA, Russland und der Ukraine statt. Ein Durchbruch blieb aus.
Die nächste Verhandlungsrunde ist für Anfang Februar geplant. Moskau beharrt auf seiner Maximalforderung: Der gesamte Donbass muss russisch werden. Washington übt Druck aus. Kiew steht zwischen allen Fronten.
Was Verfassung und Völkerrecht sagen
Für die Ukraine überschreiten Gebietsabtretungen eine rote Linie. Immer wieder betont der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass dies gegen das Völkerrecht verstoße und dass solche Zugeständnisse nicht mit der ukrainischen Verfassung vereinbar seien. Deshalb schlägt er schon länger ein Referendum vor, indem das ukrainische Volk diese Entscheidung treffen müsse. So eine Entscheidung könne nur das ukrainische Volk treffen, nicht er.
Im Januar kündigte Selenskyj daher an, eine Gesetzesvorlage für ein solches Referendum vorbereiten zu lassen – verbunden mit Neuwahlen. Beides würde einen Waffenstillstand von etwa 90 Tagen erfordern, damit Wahlkampf und Abstimmung überhaupt stattfinden könnten. Ob aber Russland dies zusichern würde und die USA diese Waffenruhe absichern würden, gilt als fraglich.
Warum Larissa Nein sagt
Larissa aus Odessa argumentiert militärisch und moralisch zugleich. "Die russische Armee hat es in all diesen Jahren nicht geschafft, den ganzen Donbass zu erobern", sagt sie. Warum solle man am Verhandlungstisch hergeben, was auf dem Schlachtfeld nicht verloren ging? Der Preis sei zu hoch – zu viele Ukrainer seien gestorben. Sie räumt allerdings ein: Sie hat keine nahen Verwandten an der Front. Familien mit Kämpfern könnten anders denken. Aber was sie hört, in Gesprächen, in ihrer Stadt, ist mehrheitlich Ablehnung. Darya aus Kiew sagt das Gleiche: Kein Territorium für Frieden.
Der härteste Winter seit Kriegsbeginn
Dabei erleben die Ukrainer den härtesten Winter seit Kriegsbeginn. Wochenlang zweistellige Minustemperaturen auch tagsüber. Millionen Ukrainer harren ohne Strom und Heizung aus, nachdem Russland gezielt Energieinfrastruktur in der Ukraine angegriffen hat. Der Bürgermeister von Kiew, Wladimir Klitschko, hat die Stadtbewohner sogar dazu aufgerufen, Kiew zu verlassen.
Bei all den Schäden durch die fast täglichen russischen Angriffe kommen die Reparaturtrupps nicht mehr hinterher. Menschen wie Larissa und Darya leben in Dunkelheit und Eiseskälte ohne warmes Essen – und sagen trotzdem "Nein" zu Gebietsabtretungen.
Zweifel an Sicherheitsgarantien
Denn das Versprechen von Sicherheitsgarantien überzeugt viele Ukrainer nicht. Präsident Selenskyj hat kürzlich verkündet, dass man sich mit den USA geeinigt habe. Dass das Dokument zu den Sicherheitsgarantien jederzeit unterschrieben werden könne.
Details sind nicht bekannt, aber viele Beobachter gehen von "Nato-ähnlichen" Garantien aus. Doch die Nato selbst gilt vielen Ukrainern als geschwächt und uneinig. Warum sollte ein Schutzversprechen dieser Nato es wert sein, dafür Territorium herzugeben? Für viele ist das kein Tauschgeschäft, sondern eine doppelte Niederlage.
Noch härtere Wochen stehen bevor
Derzeit hat es vergleichsweise milde 0 Grad in Kiew. Aber die Wetterprognose für die kommende Woche geht von frostigen Tagen und Nächten aus. Für die erste Februarwoche sind Minus 22 Grad vorhergesagt. Der Winter in der Ukraine ist noch lang.
Viele Ukrainer fragen sich, was ihnen noch abverlangt wird. Viele wünschen sich nichts sehnlicher als einen stabilen, fairen Frieden. Aber auch während der laufenden Verhandlungen der ukrainischen und russischen Delegationen in Abu Dhabi greift Russland mit unverminderter Härte weiter an.
Podcast: 11KM: Ukraine am Limit - Wie Russland Wetter als Waffe einsetzt
Frauen wärmen sich während eines Blackouts in Kiew an einem Feuer auf
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

