Da ist sie wieder: die Postkarten-Idylle. Emily öffnet die Fensterläden. Die Sonne bricht sich an sandfarbenen Gebäuden. Die Straßen sind so picobello, als hätte Meister Proper sie persönlich geschrubbt. Und mittendrin Emily, die Hauptfigur, die so aussieht, als wäre sie einem Modemagazin entsprungen.
Emily in Rom statt in Paris
Die junge US-Amerikanerin, die vier Staffeln lang staunend durch Paris gelaufen ist, hat für die neue Staffel die Stadt gewechselt. "Emily in Rome" statt "Emily in Paris" also.
Und dieser Umzug bewegt sogar die Spitzenpolitik: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat vergangenes Jahr dem Magazin Variety gesagt: "Wir werden hart kämpfen", damit Emily in Paris bleibt. Roms Bürgermeister entgegnete auf Social Media: "Emily geht es in Rom sehr gut." Da hat er recht. Zumindest so lange, wie es der Spannungsbogen erlaubt.
Denn natürlich muss diese romantische Komödie in Serienform ihrer Heldin allerlei Steine in die Kopfsteinpflaster-Gassen legen: Ist ihr italienisches Amore-Interest ein Casanova? Was verheimlicht ihre beste Freundin? Und schafft sie es, die großen italienischen Marken von ihren Marketingeinfällen zu überzeugen?
Eine Serie wird zur Dauerwerbesendung
Wie in der gefeierten Serie "Call My Agent" steht im Mittelpunkt der Handlung eine Agentur. Die kümmert sich aber nicht um Kunst, sondern um Kommerz: Sie vertritt nämlich keine echten Schauspieler, sondern Marken. Fendi, Intimissimi, Dolce & Gabbana – um nur ein paar zu nennen.
Dass "Emily in Paris" eigentlich eine Dauerwerbesendung ist, hat der Serie aber nie geschadet. Sie versucht auch gar nicht, das zu verschleiern – im Gegenteil: ganz plakativ werden Markennamen im Alltag der Serie erwähnt.
Selbstironie kann die Serie
Gerade wenn man sich über die so gar nicht leise schleichende Werbung lustig machen will, macht sich die Serie laut selbst darüber lustig: Sex-And-the-City Schöpfer Darren Star hat mit "Emily in Paris" ein selbstironisches Marketing-Märchen erschaffen.
Die Selbstironie kickt auch in anderen Momenten. Emily ist einmal mehr verliebt in einen wankelmütigen Einheimischen. Ihre Chefin schlägt sie deshalb als Werbegesicht für einen kussfesten Lippenstift vor.
Heile Welt als Verkaufsargument
Und da ist noch ein Grund, warum die Serie seit fünf Staffeln Millionen begeistert: Sie zeigt eine heile Welt. Keine Kriege, keine Armut. Das Aufstiegsversprechen ist hier noch intakt: Wer sich anstrengt, wird belohnt. Mit einem Großkunden, einem Michelin-Stern, einem Nummer-1-Hit oder Mamas Vermögen.
Anders als in der reinen neoliberalen Lehre heißt es hier aber nicht: alle gegen alle. Die Figuren benutzen ihre Ellbogen letztlich nur, um andere zu umarmen und einander zu unterstützen. Diese Happy End-Mentalität macht happy. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann vermarkten sie noch heute.
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