Bald eine Rarität im Schulunterricht? Original-Faust in der ikonischen gelben Reclam-Ausgabe
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Bald eine Rarität im Schulunterricht? Original-Faust in der ikonischen gelben Reclam-Ausgabe
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Bald eine Rarität im Schulunterricht? Original-Faust in der ikonischen gelben Reclam-Ausgabe

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Fit für Faust? Diskussion über vereinfachte Schullektüren

Fit für Faust? Diskussion über vereinfachte Schullektüren

Überfordert von Goethe und Schiller? Das fragte der Berliner Tagesspiegel vor ein paar Tagen. Der Grund: An manchen Gymnasien sei es inzwischen üblich, Klassiker wie den "Faust" oder die "Räuber" in vereinfachter Sprache zu lesen. Schlimm?

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Es fehle einfach das Bewusstsein dafür, dass sich Anstrengung auszahle. Das verkündete WELT-Feuilletonist Matthias Heine [externer Link], selbst Autor mehrerer sprachkritischer Bücher, vor ein paar Tagen im hauseigenen Sender. Sein Thema war die Berliner Schulpolitik: An Berliner Gymnasien würden Goethe, Schiller und Co immer häufiger in vereinfachter Sprache gelesen.

Klassiker in vereinfachter Sprache gibt es seit Jahrzehnten

Man könnte das für eine einfache pädagogische Krücke halten. Für Heine ist es pures Gift für die intellektuelle Fitness von Schülerinnen und Schülern. Es sei beim Lesen nämlich wie beim Muskelaufbau: ohne Anstrengung kein Ergebnis. Als junger Mann, Sohn einer alleinerziehenden Reinigungskraft, habe er selbst mit Texten kämpfen müssen, die er nicht ganz verstanden habe. Und trotzdem sei er aus der Lektüre "klüger und stärker rausgekommen".

Tatsächlich sind Klassikerausgaben in vereinfachter Sprache kein neues Phänomen. Der Cornelsen Verlag hat eine entsprechende Reihe schon vor über 20 Jahren aufgelegt. Schillers "Räuber" sind da etwa dabei, Lessings "Nathan" und natürlich auch Goethe mit seinem "Faust". Hilfestellung für "ungeübte Leserinnen und Leser" verspricht der Verlag damit, geeignet für den Einsatz in sämtlichen Bundesländern und an sämtlichen Schultypen. Auch am Gymnasium.

Bayerisches Kultusministerium: An Gymnasien "nicht üblich"

Im Bayerischen Kultusministerium sieht man das ein wenig anders. Die Verwendung von Textausgaben klassischer Werke in vereinfachter Sprache sei an bayerischen Gymnasien "nicht üblich", teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Das widerspräche schlicht den Anforderungen, die sich insbesondere in der gymnasialen Oberstufe im Fach Deutsch stellen würden. Hier bayerischer Bildungsstolz, dort Berliner Laissez-faire?

Michael Sommer versteht die ganze Diskussion nicht. "Meine erste Begegnung mit Weltliteratur im weitesten Sinne waren Walt Disneys lustige Taschenbücher", gibt er freimütig zu. Das Vereinfachen schwieriger Texte ist das tägliche Brot des studierten Literaturwissenschaftlers. Seit 10 Jahren präsentiert der Wahlmünchner auf seinem YouTube-Kanal Klassiker im "To go"-Format. "Faust" runtergebrochen auf wenige Minuten und reenacted mit Playmobil-Figuren. Harald Schmidt lässt grüßen.

Die Klassiker lösen bei Schülern nicht immer Begeisterung aus. Wie also bei Jugendlichen die Neugier wecken? Michael Sommer hat da eine Idee.
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Die Klassiker lösen bei Schülern nicht immer Begeisterung aus. Wie also bei Jugendlichen die Neugier wecken? Michael Sommer hat da eine Idee.

Literaturwissenschaftler: "Überforderung ist der Königsweg, um Leute abzutörnen"

2018 bekam Sommer sogar den Grimme Online Award dafür. Klassiker spielerisch zusammengefasst – Generationen von Gymnasiasten hätten davon "lange geträumt", lautete die Begründung der Jury damals. "Natürlich hat das wahnsinnig wenig mit dem Original zu tun", gibt Sommer zu. "Aber es ist ein erster Schritt, und der macht möglicherweise jemanden neugierig." Ganz ähnlich sei es mit vereinfachten Lektüren im Schulunterricht. "Das zu verteufeln, halte ich für nicht besonders pädagogisch kompetent", stellt er trocken fest.

Was Heine für Schummelei hält, ist für Sommer also unerlässlich, um die Motivation am Leben zu halten. Kleine Schritte, konstante Erfolgserlebnisse – das gilt fürs Pumpen genauso wie fürs Pauken, um die Fitnessmetaphorik wiederaufzunehmen. Andernfalls droht der Übermüdungsbruch. In Sommers Worten: "Überforderung ist der Königsweg, um Leute abzutörnen und dafür zu sorgen, dass Literatur garantiert nicht in ihrem Leben vorkommt."

Billige Abkürzung oder Motivationsbooster?

Wer von den beiden recht hat, ist pauschal wahrscheinlich gar nicht so leicht zu entscheiden. Eher scheint es davon abhängig zu sein, wie genau solche vereinfachten Texte im Unterricht verwendet werden. Einem Bericht des Tagesspiegels [externer Link] zufolge kommen sie an Berliner Gymnasien vor allem "begleitend" zum Einsatz. Sie ergänzen die Originale, ersetzen sie jedoch nicht.

Und fragt man an zwei Münchner Gymnasien nach, dann ergibt sich auch dort ein differenzierteres Bild, als vom Kultusministerium gezeichnet ("nicht üblich"). Die Klassiker-Reihe von Cornelsen sei durchaus bekannt, heißt es. Verwendet würde sie hin und wieder in den unteren Klassen. In den höheren Stufen käme sie eher in Form von Textvergleichen zum Einsatz. Und ein gutes Erörterungsthema ist die Frage nach dem Einsatz vereinfachter Lektüren im Deutschunterricht sowieso.

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