Die Filmwelt trauert um den ungarischen Regisseur Béla Tarr. Er wurde 70 Jahren alt und ist nach langem und schwerem Leiden gestorben, wie ungarische Medien unter Berufung auf die Familie berichten.
"Die Europäische Filmakademie trauert um einen herausragenden Regisseur und eine Persönlichkeit mit starker politischer Stimme, der nicht nur von seinen Kollegen hoch geschätzt, sondern auch vom Publikum weltweit gefeiert wurde", heißt es in einer Stellungnahme der Akademie.
Sein bekanntester Film "Satanstango" ist mehr als 400 Minuten lang und gilt damit als einer der längsten Kinofilme überhaupt. Der Film feierte seine Premiere 1994 auf der Berlinale. Weitere Filmtitel von Béla Tarr lauten "Die Werckmeisterschen Harmonien" (2000) oder "The Man from London" (2007), mit Tilda Swinton in der Hauptrolle.
Unverwechselbarer Stil, minimale Handlung
Tarr wurde 1955 in der südungarischen Stadt Pecs geboren. "Als ich jung war, wollte ich Philosoph werden. Ich hatte schon immer eine große soziale Sensibilität", sagte Tarr einmal. Als 16-Jähriger unternahm er erste Versuche als Amateurfilmer. Die Budapester Bela-Balazs-Studios wurden auf ihn aufmerksam und finanzierten seinen ersten Film "Familiennest" (1979). Bald entwickelte er seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil mit minutenlangen, sorgsam choreografierten Einstellungen ohne Schnitt, langsamen Kamerabewegungen, minimalistischen Dialogen und einer stark reduzierten Handlung.
Seine Filme wirken oft düster, sie kreisen um moralischen Verfall, Hoffnungslosigkeit und den Zerfall sozialer Ordnungen. "Er erzählte keine Geschichten, sondern schuf sich seine eigene Welt", formulierte es ein ungarischer Filmkritiker.
Vom Anfang bis zum Ende seiner Zeit als Filmemacher wurde Tarr immer radikaler und freier. Wenn ein Film drei Jahre Zeit brauchte, dann brauchte er eben drei Jahre Zeit. Wenn kein Geld mehr da war, dann zog er selbst los und besorgte welches, um wieder drehen zu können. So war es bei "Die Werckmeisterschen Harmonien" der Fall, aufgrund des Wetters und Finanzierungsprobleme.
László Krasznahorkai als Mitstreiter
Im Laufe der Jahrzehnte suchte sich Tarr Mitstreiter, die seine künstlerische Vision teilten: Seine Ehefrau Ágnes Hranitzky, der Kameramann Fred Kelemen oder der Musiker und Komponist Mihály Víg. Immer wieder arbeitete Tarr auch eng mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor László Krasznahorkai zusammen, der in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.
Verachtung für Autokratien
Für Autokratien und Nationalismen hatte Tarr nur Verachtung übrig. Ungarns rechtspopulistischem Ministerpräsidenten Viktor Orbán warf er vor, ein "schamloser Zyniker" zu sein, als dieser damit prahlte, dass der ungarische Film auch ohne staatliche Förderung international Erfolg habe. In einem Interview mit einer deutschen Tageszeitung kritisiert Tarr die nationalistischen Tendenzen unter Orbán und die Gleichschaltungsversuche der ungarischen Kulturpolitik. Dafür wurde er in seiner Heimat angefeindet. Wenig später verlor er seinen ungarischen Verleih.
Letzter Film 2011 bei Berlinale ausgezeichnet
Mit Mitte 50 entschied der Meister der filmischen Langsamkeit, keine Filme mehr zu drehen, weil für ihn alles gesagt sei. "Das Turiner Pferd" heißt Béla Tarr letzter Spielfilm aus dem Jahr 2011. Für ihn gewann er bei der Berlinale den Großen Preis der Jury. In seiner letzten Lebensphase widmete sich Tarr vor allem der Filmausbildung und der kulturellen Arbeit.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die "film.factory" in Sarajevo, eine internationale Filmschule, die er 2013 zusammen mit anderen Regisseuren gründete. Als Lehrer wollte er vor allem ethische und philosophische Haltung zum Filmemachen vermitteln.
Im Dezember 2023 erhielt Tarr einen Ehrenpreis im Rahmen der Verleihung der Europäischen Filmpreise in Berlin. Auf der Bühne erzählte er, dass junge Menschen ihn um Rat gefragt hätten. "Ich habe keinen Rat", sagte er. Sie müssten nur ihre eigene Sprache finden, sie selbst sein und sollten sich nicht den Zwängen der Filmindustrie beugen. Das Wichtigste sei jedoch: "Sie müssen frei sein, und alle von uns müssen frei sein."
Mit Informationen von dpa
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
