Alles nicht so eindeutig, sagen uns aktuelle MeToo-Filme: Szene aus "Schwesterherz"
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Alles nicht so eindeutig, sagen uns aktuelle MeToo-Filme: Szene aus "Schwesterherz"
Bildrechte: Selma von Polheim Gravesen
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MeToo in Film und Serien: Neuerdings dominieren Grautöne

MeToo in Film und Serien: Neuerdings dominieren Grautöne

Seit acht Jahren prägt die MeToo-Bewegung den politischen wie kulturellen Diskurs. Waren Filme und Serien zunächst stark aus der Opfer-Perspektive erzählt, liegt der Fokus bei drei aktuellen Beispielen auf den Grautönen solcher Vorwürfe.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Zündfunk am .

Es könnte alles so einfach sein, wäre es nur nicht so kompliziert. Das ist die neue Botschaft in Filmen und Serien über MeToo. Der Schlüssel zu einem besseren Verständnis von Machtmissbrauch und sexueller Gewalt liegt laut aktuellen Produktionen in den Grautönen und der Komplexität. Besonders knifflig gestaltet sich die Lage im neuen Film "Schwesterherz" von Sarah Miro Fischer. Der Debutfilm der Regisseurin erzählt, wie ein Vorwurf der sexuellen Gewalt eine Beziehung zwischen zwei Geschwistern auf die Probe stellt.

"Schwesterherz": MeToo-Film ohne "Gut" und "Böse"

Eines Nachts klopft Rose, gespielt von Marie Bloching, an der Tür ihres großen Bruders Sam, gespielt von Anton Weil. Roses Freundin hat sie vor die Tür gesetzt – ganz selbstverständlich lässt Sam sie vorübergehend bei ihm einziehen. Nach einiger Zeit bekommt Rose aber Post. Eine Frau wirft ihrem Bruder Vergewaltigung vor, und Rose soll als Zeugin aussagen. In der Nacht, an dem sich das Verbrechen ereignet haben soll, hat sie nämlich schon bei Sam gewohnt.

Tatsächlich hat Rose eine Frau im Flur gesehen und zuvor Geräusche gehört, aber war das eine Vergewaltigung? Ihr Bruder beteuert seine Unschuld, während die Frau schwere Vorwürfe erhebt. "Schwesterherz" ist ein leiser Film, der den Fokus darauf richtet, wie sich ein mutmaßliches Sexualverbrechen auf Dritte auswirkt.

Einfache Antworten gibt es hier nicht – auch kein "Gut" oder "Böse". Und die Emotionen erschweren die Suche nach der Wahrheit, klar. Dabei käme es gerade auf Menschen wie Rose an, weil sie Informationen haben, mit denen man sich den Fakten nähern kann, die bei solchen Fällen häufig fehlen.

"Douglas Is Cancelled": Die Bedeutung Dritter

Der Blick auf den Umgang Dritter mit mutmaßlichen Vorfällen sexueller Gewalt ist ein Trend in Film und Serienwelt. Ein anderes Beispiel: Die Arte-Serie "Douglas Is Cancelled". Diese Geschichte aus dem Medienmilieu handelt von plötzlichen Vorwürfen gegen einen Moderator, der einen sexistischen Witz erzählt haben soll. "Das ist doch nichts, oder", fragt Douglas.

Aber eigentlich, das wird im Verlauf der Handlung klar, geht es um einen viel größeren Vorwurf. Douglas ist ein Mitwisser bei einem viel schwerwiegenderen Machtmissbrauch – und gerade diese Mitwisser haben, so auch die Botschaft der Serie, eine zentrale Rolle bei der Aufklärung von MeToo-Fällen.

"After The Hunt": MeToo und Systemkritik

Auch der Film "After the Hunt" von Luca Guadagnino aus dem letzten Jahr verhandelt den Umgang Dritter mit Vorwürfen sexueller Gewalt. Der Oscar-Anwärter, den man aktuell schon bei Amazon sehen kann, erzählt die Geschichte der Yale-Professorin Alma, gespielt von Julia Roberts. Alma steht kurz vor einer lang ersehnten unbefristeten Festanstellung. Aber dann gerät sie in einen MeToo-Strudel, der auch für sie Konsequenzen haben könnte.

Doktorandin Maggie, gespielt von Ayo Edebiri, wirft dem Dozenten Hank, gespielt von Andrew Garfield, sexuelle Belästigung vor. Und wendet sich mit der Geschichte an ihre Professorin Alma, die aber auch mit Hank befreundet ist. Hank wiederum beteuert: Alles erfunden! Eigentlich wolle Maggie nur davon ablenken, dass er Plagiate in ihrer Doktorarbeit entdeckt hat.

Kann es Richtiges im Falschen geben?

"After The Hunt" argumentiert dabei, dass es bei MeToo auch um Systemkritik gehen muss: "Es gibt kein Richtiges im Falschen." Alma zitiert den berühmten Adorno-Satz in ihrem Seminar, er gilt auch für diesen Film.

Im Haifischbecken Yale ist die Suche nach der Wahrheit, nach dem moralisch Richtigen nämlich unmöglich geworden. Weil es keiner Figur darum geht, sexuellen Missbrauch abzuwenden. Stattdessen nutzen sie die MeToo-Debatte nur für sich selbst aus, um an einer Uni Karriere zu machen, in der noch nicht einmal der erfahrensten Professorin eine Festanstellung sicher ist.

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