Mit Shakespeare hatte Elsa-Sophie Jach schon einmal Erfolg am Münchner Residenztheater. Ihre Inszenierung von "Romeo und Julia" wurde letztes Jahr zum Publikumsrenner am Haus. Der "König Lear" ist allerdings ein ganz anderer Stoff, die Tragödie des alten Mannes, nicht die junger Liebender.
Tragödie des alternden Machtmenschens
Die Handlung ist bekannt: Lear dankt ab, teilt sein Reich auf unter den drei Töchtern. Der souveräne Schritt eines Souveräns ist das jedoch nicht. Denn Lear tritt nicht aus Einsicht zurück, sondern gehorcht den Zwängen des Alters.
In Jachs Inszenierung sitzt Lear (Manfred Zapatka) anfangs auf seinem Thron. Hofstaat und Familie kauern um ihn herum, servil gebückt, in gespannter Erwartung. Da gefällt sich der König im gönnerhaften Gestus. Doch sobald sich Widerstand gegen seine Autorität regt, kippt die Jovialität in Jähzorn.
Lears jüngste Tochter Cordelia (Elisabeth Nittka) verweigert ihm die Liebesbekundung, die er eingefordert hat. Prompt enterbt sie der Vater. Die anderen beiden Töchter, Goneril (Barbara Horvath) und Regan (Pia Händler), schmeicheln ihm. Doch sobald sie ihren Erbteil erhalten haben, beginnen sie mit Lears Demontage.
Manfred Zapatka mimt den kindischen Greis
Lear will die Macht nur abgeben, wenn alles so weiterläuft, wie er es sich vorstellt. Diese Verteidigung patriarchaler Privilegien samt entsprechender Weltordnung, von der Shakespeare erzählt, ist ein Phänomen, das sich, wo man auch hinschaut, auch heute in der Welt beobachten lässt.
Man muss Lear keine orangefarbene Donald-Trump-Perücke aufsetzen oder ihn in Putin-Manier mit nacktem Oberkörper posieren lassen, um die Parallelen sichtbar zu machen. Und Jach sucht zum Glück auch nicht die platte Übersetzung in die Gegenwart. Die Kostüme von Sibylle Wallum etwa zielen eher auf Überzeitlichkeit, verknüpfen heutige Mode mit historisierenden Versatzstücken: Halskrausen und Puffärmel zum Beispiel. Lear etwa trägt ein weiß gerüschtes Hemd, dazu Frack und Anzugweste.
Manfred Zapatkas Bühnenpräsenz ist ungebrochen, sein Diktion von schneidender Präzision. Und doch: es fehlt die Aura des Machtmenschen. Eher hat man das Gefühl, man sieht einem Austragsbauern zu, der seinen Hof nur widerwillig übergeben hat und seinen Erben ständig ins Handwerk pfuscht. Ein alterssturer, kindischer Greis, der wütend auf den Boden stampft wie ein bockiges Kind.
Untergangsspektakel ohne Gegenwartsbezug
Klar, auch die Trumps dieser Welt kommen einem manchmal so vor. Trotzdem: Hier in Jachs Inszenierung vermisst man die weltpolitische Dimension. Auch später, als Lear dem Wahnsinn nahe über die stürmische Heide irrt – in Marene Lockemanns Bühnenbild ein ringförmiger Weg aus Gestein und Gestrüpp ohne Ausweg – hat man eher den Eindruck, eine Demenz-Studie vorgeführt zu bekommen und keine taumelden Weltordnung, die sich in Lears persönlicher Tragödie spiegelt.
Das ist insofern fast schon kurios, als die Regie das große Untergangsspektakel eigentlich mit allen erdenklichen Mitteln anstrebt: Schummriges Licht, drohend düstere Musik, Theaterdonner. Jach setzt das alles gekonnt ein. Doch so sehr man es begrüßt, dass sie sich vordergründige Aktualisierungen verkniffen hat: der Wucht, die diese Mittel hier entfalten, fehlt die Welthaltigkeit. Es bleiben: Effekte, die auf Archaik zielen, dabei aber den Blick auf die Gegenwart eher eintrüben als ihn zu erhellen.
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