"Die Ukraine hat zugestimmt, die russischen Energieziele nicht anzugreifen. Russland hat sich im Gegenzug ebenfalls dazu verpflichtet! Der weltweite Anstieg der Dieselpreise ist hauptsächlich auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zurückzuführen, nicht auf den Iran", behauptete US-Präsident Donald J. Trump in seinem bevorzugten Kommunikationskanal "Truth Social" [externer Link].
Kurz darauf meldete sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Telegram zu Wort [externer Link] und sprach von einem "überzeugenden Vorschlag", ohne freilich ein Abkommen zu bestätigen: "Sollten unsere amerikanischen Partner jedoch sicherstellen können, dass Russland tatsächlich bereit ist, diesen Krieg, der auf die Zerstörung von Leben abzielt, zu beenden – und zwar dauerhaft und nachhaltig –, wird die Ukraine ihrerseits Deeskalationsschritte einleiten."
"Sie wollen den Russen den Sieg stehlen"
Offiziell schweigt der Kreml bislang zu Trumps Behauptung. Die "Financial Times" meldete allerdings [externer Link] unter Berufung auf Eingeweihte, Putin lehne einen "Energie"-Waffenstillstand vor dem Wintereinbruch ab, weil er nach wie vor hoffe, die Zerstörung von ukrainischer Infrastruktur erhöhe den Druck auf Kiew. Gleichwohl werde hinter den Kulissen über ein derartiges Abkommen verhandelt.
Kremlsprecher Dmitri Peskow beließ es beim Hinweis [externer Link], Moskau stehe mit den "Amerikanern in Kontakt": "Wir werden weiterhin mit ihnen kommunizieren." Russland stehe immer "auf der Seite friedlicher Lösungen".
Kreml-Propagandist Sergei Markow rätselte [externer Link] angesichts einer fehlenden Stellungnahme von Putin: "Es gibt keinen Energie-Waffenstillstand. Andererseits scheint es, als würden beide Seiten derzeit Zurückhaltung üben und auf eine Einigung warten."
Russische Militärblogger zeigten sich empört über einen etwaigen Teil-Waffenstillstand. So schimpfte Juri Kotenok (313.000 Fans) [externer Link], Russland solle der "Sieg gestohlen" werden: "Warum jetzt aufhören? Das Kiewer Regime benötigt den aktuell diskutierten Waffenstillstand nur für einen einzigen Zweck: Raketen unter ruhigen Bedingungen auf den neuesten Stand zu bringen und dann beim ersten Anzeichen einer Störung der Vereinbarungen eine Salve ballistischer Raketen auf die russische Hauptstadt abzufeuern."
"Eskalation nennt sich 'Energie'-Waffenstillstand"
Ein mit 528.000 Fans weiterer tonangebender Kommentator meinte [externer Link]: "Meiner Meinung nach ist die ganze Sache ziemlich uninteressant. Man wird uns sofort vorwerfen, vor den russischen Parlamentswahlen [am kommenden Wochenende] einzuknicken, und zwar, weil St. Petersburg – immerhin die zweite Hauptstadt unseres Landes – ernsthafte Treibstoffprobleme hat."
Blogger Boris Roschin (748.000 Fans) argumentierte [externer Link]: "Angesichts der aktuellen Lage erscheint ein 'Waffenstillstand' für Russland nicht vorteilhaft. Für die Ukraine wäre er lediglich eine Pause, um den Winter zu überstehen und die Angriffe auf den Energiesektor zu einem passenden Zeitpunkt wieder aufzunehmen."
Der St. Petersburger Politologe Michail Winogradow gab sich ironisch und meinte: "Die Eskalation nennt sich plötzlich 'Energie'-Waffenstillstand." Irritiert vom beharrlichen Schweigen des Kremls meinte Blogger Alexei Schiwow (130.000 Abonnenten): "Hält uns neuerdings Trump über den Verlauf des Konflikts auf dem Laufenden?"
Peter Jungblut beobachtet für BR24 Kultur Debatten rund um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Auch Politologe Igor Dimitriew zweifelte an einem ernsthaften Verständigungsversuch [externer Link]: "Niemand sitzt am Verhandlungstisch; der Kampf an der Front geht weiter, die Luftangriffe gehen weiter, aber deren Intensität könnte abnehmen und sich der Handel erholen. Es wäre ein koreanisches Szenario: eine Fehde, die Jahrzehnte andauert, aber allmählich abebbt. Für die USA würde dies deren Hauptproblem lösen: Russisches Öl und Diesel kehrten vor den Wahlen [Anfang November] auf den Markt zurück."
"Konflikt steuert auf Eskalation zu"
Bei einem weiteren russischen Beobachter war zu lesen [externer Link]: "Kurz gesagt: Es gibt noch keinen Waffenstillstand; die Ukraine hat lediglich einen Vorschlag zu dessen Inhalt und Bedingungen vorgelegt. Russland hat mutmaßlich eigene Vorstellungen. Wie ich vermutet hatte, hat Trump den Waffenstillstand erfunden. Offenbar signalisierten sie ihm Gesprächsbereitschaft, und er begann umgehend, über ein nicht existierendes Abkommen zu twittern."
Auch Politikwissenschaftlerin Maria Snegowa zweifelte sehr an einem baldigen Kriegsende [externer Link]: "Mit dem Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 hat der Kreml einen Zivilisations-Bruch mit dem Westen ausgelöst, den er (zumindest unter Putin) wohl kaum wieder gutmachen kann. Der Konflikt steuert auf eine weitere Eskalation zu, wie die Ausweitung der hybriden Kriegsführung gegen den Westen, der Ausbau des militärisch-industriellen Komplexes (Drohnen, Raketen, elektronische Kriegsführung) und die Neuorientierung hin zu China und dem Osten belegen."
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