"Man sieht sich eine Rede von ihm an – alles wirkt schlüssig. Geht man nach draußen ist davon nichts mehr zu spüren", so der russische Politologe Igor Dimitriew [externer Link] über Putins Propaganda-Auftritt in der vergangenen Woche vor Topmanagern und Journalisten in St. Petersburg: "Das Hauptproblem der russischen Führung ist nicht Informationsmangel, sondern eine bewusste Abschottung davon. Sie hat ein in sich geschlossenes Bedeutungssystem geschaffen."
Dimitriew (128.000 Fans) nennt einige Beispiele. So spreche der Kreml grundsätzlich von angeblich herabstürzenden "Trümmerteilen", wenn von Raketeneinschlägen die Rede sei: "Aussagen, die innerhalb Russlands als gesunder Menschenverstand gelten, wirken von außen bizarr."
Auch Putins Behauptung, im ostukrainischen Donbass lebten "russischsprachige Menschen" sei "nicht stichhaltig": "Die größte Schwachstelle des Systems ist nicht der Konflikt mit der westlichen Weltanschauung, sondern der Konflikt mit der alltäglichen Realität im Land, sobald diese extreme Ausmaße annimmt. Denn in der Welt der russischen Elite existiert diese Realität schlichtweg nicht."
"Gefährliche Psychose"
Auf einem anonymen kremlkritischen Polit-Kanal mit 120.000 Abonnenten wird die naheliegende Frage gestellt [externer Link]: "Glauben Putin und seine Elite wirklich, was sie sagen, oder spielen sie nur tapfer, während sie einem katastrophalen Szenario gegenüberstehen?" Von einer "Show des grotesken Wohlbefindens" war die Rede.
Das Kreml-Regime sei "blind", so der Kommentator: "Sollte dieser zur Schau gestellte Optimismus lediglich ein raffinierter Schachzug des Apparats zur Stabilisierung des Systems sein, ist das nur die halbe Wahrheit. Denn wenn Putin und sein Gefolge ernsthaft glauben, dass die Angriffe des Feindes im tiefen Hinterland und der wirtschaftliche Absturz keinen Einfluss auf die Stabilität des Staates haben, dann haben wir es mit einer gefährlichen Psychose zu tun."
"Niemand versteht es..."
Der Wolgograder Politikwissenschaftler Alexander Saygin verweist darauf, dass der Kreml national und international ständig auf Drohkulissen setze und schreibt dazu [externer Link]: "Eine berechtigte Frage drängt sich auf: Wer ist dieses Genie, das immer wieder dieselbe erfolglose Strategie anwendet und glaubt, sie würde funktionieren? Und das Interessanteste ist, dass auch in Russland diese Einschüchterungs- und Zwangstaktiken praktisch wirkungslos geworden sind."
Sogar ultrapatriotische Nationalisten sind inzwischen verwirrt [externer Link], was Putins Realitätssinn betrifft: "Der Präsident scheint klar zu verkünden, dass unsere Stärke in der Einheit liegt. Doch auf einer etwas niedrigeren Regierungsebene wird diese These völlig untergraben. Wenn wir geeint sind, warum wird dann diese Politik der Entfremdung der Bevölkerung von der [von der Propaganda behaupteten] Neuen Weltordnung verfolgt? Immer öfter fragt er: 'Was ist da los?' Niemand versteht es..."
"Diese Grenzen sind erreicht"
Putins vermeintlich zuversichtliche Bestandsaufnahme sei "äußerst bizarr" gewesen, urteilt ein weiterer anonymer Polit-Blogger [externer Link]: "Um das System zu stabilisieren, zieht man es vor, Probleme hinter verschlossenen Türen zu lösen, anstatt sie öffentlich zu benennen – eine nachvollziehbare Systemlogik. Doch wenn man tatsächlich glaubt, dass die Sprit-Knappheit in den neuen [von Russland eroberten] Gebieten, ein Haushaltsdefizit, das den Jahresansatz um 50 % übersteigt und systematische Angriffe auf das Hinterland die Stabilität des Staates nicht beeinträchtigen, dann haben wir es mit einer gefährlichen alternativen Realität zu tun."
Infotafel
Eher philosophisch heißt es in einem weiteren russischen Kommentar [externer Link], Putins Regime setze auf "verbrannte Erde", die Bevölkerungsmehrheit sei jedoch keineswegs "nekrophil", also todessehnsüchtig: "Wir haben faktisch zwei sich gegenseitig ausschließende Zivilisationen geschaffen, deren Koexistenz im selben Raum-Zeit-Kontinuum nur streng begrenzt möglich ist. Und diese Grenzen sind erreicht."
"Bedenken hinter den Kulissen"
Politologe Wadim Schumilin spottete über die Propaganda-Phrasen des Regimes [externer Link]: "Finanzminister Siluanow erklärte auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg, Russland habe finanzielle Souveränität erlangt. Das bedeutet, dass man keine Kredite und keine Investitionen erhält. Mit einer gewissen Besorgnis, aber auch mit unerschütterlichem Stolz freuen wir uns auf die Erlangung der Ernährungssouveränität."
Bezeichnendes Fazit von Jewgeni Mintschenko [externer Link], des Vorsitzenden des russischen Verbands der PR-Unternehmen: "Den Nachgeschmack des Weltwirtschaftsforums prägt wohl die maximale Diskrepanz zwischen den forschen öffentlichen Erklärungen und den Bedenken hinter den Kulissen."
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