"Wir bewegen uns schrittweise nach vorn, nicht so schnell, wie es sich manche wünschen, aber dennoch beharrlich und zuversichtlich auf die Erreichung aller zu Beginn der Operation festgelegten Ziele zu", hatte Wladimir Putin am 27. März bei einem Besuch im arktischen Murmansk (externer Link) im Gespräch mit Marinesoldaten behauptet und von "Dynamik" an allen Frontabschnitten gesprochen. Daran gibt es jedoch erhebliche Zweifel.
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"Es wird immer schlimmer"
Ausweislich der Daten des Portals "Deepstate" (externer Link), das die täglichen Veränderungen des Frontverlaufs erfasst, scheint das Vormarschtempo von Putins Armee seit vergangenem November erheblich abgenommen zu haben, wie die in Amsterdam erscheinende "Moscow Times" berichtet.
"Wir stecken fest und es wird immer schlimmer", heißt es dazu in einem der tonangebenden russischen Polit-Blogs (100.000 Follower, externer Link). Dort ist von einem "Vitaminmangel" von Putins Armee die Rede. Der Präsident werde von seinen Generälen "wie ein Idiot" hinters Licht geführt.
Die in der Ostukraine eroberten Gebiete seien völlig verwüstet, die regionale Verwaltung korrupt und überfordert. Es fehle an Personal, Material und Logistik: "Der unzureichende Nachschub des russischen Militärs schwächt Moskaus Position und gibt Trump die Möglichkeit, harte Ultimaten zu stellen. Ob Putin diesbezüglich ein Ass im Ärmel hat, werden wir sehr bald sehen."
Sogar Kreml-Propagandist Sergei Markow hatte bemerkt (externer Link) : "Bewegungen gibt es an der Front fast keine. Das ist eine natürliche Voraussetzung für den Abschluss eines Waffenstillstands." Spötter schrieben, Putin lasse für Milliardenbeträge im vierten Kriegsjahr "systematisch einen Bauernhof nach dem anderen" erobern.
"Hat Sudscha Bedeutung von Stalingrad?"
Journalist Edward Tschesnokow bemerkte bitter, im Krieg gebe es grundsätzlich nur zwei Strategien (externer Link): Entweder Territorien oder Soldaten aufs Spiel zu setzen. 1812 habe Russland im Napoleonischen Krieg seine Armee geschont und sich in die Weite des Landes zurückgezogen. In Stalingrad sei es umgekehrt gewesen, dort sei jeder Meter blutig verteidigt worden: "Doch hat das vorübergehend von den Ukrainern besetzte Sudscha (oder ihre aktuellen Angriffe auf die Region Belgorod) dieselbe strategische und existentielle Bedeutung? Kaum."
"Reserven zu schonen ist sinnlos"
Für Aufsehen sorgte der Kriegsblogger Wladislaw Schurigin (157.000 Fans, externer Link), der darauf verwies, dass die ukrainischen Streitkräfte von der defensiven zur offensiven Verteidigung übergegangen seien: "Nach Ansicht des neuen ukrainischen Generalstabschefs Andrii Hnatov nimmt eine solche Strategie der russischen Armee schrittweise die Initiative und zwingt sie dazu, ihre Reserven aufzubrauchen."
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Bis zu einem "gewissen Grad" sei Hnatovs Berechnung aufgegangen, so Schurigin: "Hnatov rechnet damit, dass die heftigen Kämpfe nicht lange andauern werden. Bis zum Sommer werden die Parteien unter dem Druck der USA beginnen, den kräftezehrenden Krieg auslaufen zu lassen, was bedeutet, dass es heute schlichtweg sinnlos ist, Reserven zu schonen." Sollte der Krieg allerdings bis in den Herbst und darüber hinaus andauern, werde die Ukraine personelle Probleme bekommen.
"An der Front sind nur wenige Leute"
Andere Kriegsblogger verwiesen darauf, dass die Drohnendichte jedwede Fortbewegung von Infanteristen nahezu aussichtslos mache (externer Link): "Tatsächlich sind an der Front nur wenige Leute, es gibt massiven Beschuss, jedes Ziel, das auftaucht, wird fast augenblicklich angegriffen und all das geschieht aus großer Entfernung." TV-Berichterstatter Alexander Sladkow (861.000 Fans, externer Link) beschwerte sich derweil über chinesische Buggys, die sehr reparaturanfällig seien und forderte ein russisches Fabrikat, "so einfach und billig wie ein Kalaschnikow-Sturmgewehr".
Ultrapatriotin Anastasia Kaschewarowa berichtete ebenfalls von wenig schmeichelhaften Zuständen (248.000 Fans, externer Link) in Putins Armee: "Ich kenne Deserteure, die nicht einmal eigentliche Deserteure sind, sondern zu einer anderen Einheit geflohen sind und dort unter normalen Kommandeuren kämpfen, weil es in der Armee Probleme mit der Disziplin gibt – manche kämpfen, andere stehlen lieber. Sie nehmen den Soldaten Telefone und SIM-Karten weg, zocken Geld ab und wenden körperliche Gewalt an. All das wirkt sich negativ auf die Kampffähigkeit der Armee und die Moral ihrer Kämpfer aus."
"Kühe mit Zweigen an den Schwänzen"
Propagandist Juri Barantschik (externer Link) hielt das strategische Vorgehen der Ukraine für einen "Bluff", der sehr geringe Erfolgsaussichten habe, weil sowohl Moskau, als auch Washington das militärische Potential Kiews sehr gut einzuschätzen wüssten: "Das ist keine Situation, in der man eine Herde Kühe mit Zweigen an den Schwänzen die Straße hinuntertreibt, sodass der verängstigte Feind annimmt, eine riesige Armee rolle auf ihn zu und wirble eine so gewaltige Staubwolke auf, dass er in dieser falschen Annahme kampflos seine Waffen streckt."
Politologe Oleg Bondarenko zeigte sich "traurig" (externer Link), dass die ältere Generation in Russland nach wie vor absurde Vorstellungen von einem "Sieg" habe: "Ehrlich gesagt gerate ich jedes Mal, wenn ich damit konfrontiert werde, in völlige Verwirrung und leichte Benommenheit – wie können solche Menschen mit ihrer enormen Lebenserfahrung und Intelligenz nicht verstehen, dass das der falsche Weg ist?"
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