Schriftsteller Steffen Kopetzky auf dem Plafond der Brockenbahn
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Wo der Westen der Osten ist: Steffen Kopetzkys "Harzreise"

Wo der Westen der Osten ist: Steffen Kopetzkys "Harzreise"

Seine Harzreise machte Heinrich Heine 1826 schlagartig berühmt. 200 Jahre später ist Steffen Kopetzky, bekannt für große Romane wie "Propaganda", "Atom" oder "Risiko", Heine gefolgt und hat seine Wandererfahrungen ebenfalls zu einem Buch gemacht.

Über dieses Thema berichtet: Das Büchermagazin am .

Heinrich Heine, Wein aus dem Zahnputzbecher, Ibu 800, Schnee im August und ein AfD-Infostand: Es ist schon erstaunlich, was Steffen Kopetzky mühelos in seiner "Harzreise" zusammenbringt, aber der Harz hat es nun mal in sich, weiß der Autor: "Der Harz ist ein kleines Mittelgebirge, auf engstem Raum hat man dort aber so eine Art von Intensiv-Lehrpfad der deutschen Geschichte. Man hat das alte Reich, also man sieht dort die alten Burgen und die alten Silber- und Goldminen, wo die Kaiser ihr Gold und ihr Silber rausgeholt haben. Man sieht aber eben auch die ehemalige deutsche Grenze. Man stößt hier also auf die deutsche Geschichte wie en miniature."

Auf Heines Spuren

200 Jahre nach Heinrich Heine folgt Steffen Kopetzky dessen Route: Von Göttingen geht er über Osterode, Clausthal, Goslar und Wernigerode bis ins Bodetal mit dem sagenumwobenen Thale. Heute reiht sich auf dieser Strecke ein touristisches Highlight ans andere: von Teufelsmauer, Rosstrappe und Hexentanzplatz über gigantische Talsperren mit einer der längsten Hängebrücken der Welt bis zu Naturwundern wie den Rübeländer Tropfsteinhöhlen.

Der Brocken: Vom Hexentreffpunkt zum Sperrgebiet

Und mittendrin: der Brocken. Mit 1142 Metern wird er im Süden gern übersehen, aber als höchster Berg Norddeutschlands ist er doch so herausragend, dass hier Orkane an der Tagesordnung und Schnee im August keine Seltenheit sind. Der Brocken ist DER Blocksberg, auf dem die Hexen tanzen, bis 1989 war er zudem absolutes Sperrgebiet, die Rote Armee hatte dort ihren westlichsten Stützpunkt.

Vom sagenumwobenen Harzer Märchenwald ist mitunter nicht mehr viel zu sehen. Trockenheit, Stürme und Borkenkäfer haben die bergbaubedingte Fichten-Monokultur vor einigen Jahren wortwörtlich zu Fall gebracht. "Es sieht teilweise aus wie auf einem anderen Planeten, wo man eben sehen kann, wie fragil unsere von den Menschen ja so stark beeinflussten Ökosysteme mittlerweile geworden sind", erzählt der Autor. Immerhin, ein gesunder Mischwald aus Buchen, Ahorn und Ebereschen lugt aus dem Grau der abgestorbenen Monokultur schon wieder hervor.

Wertfreie Beobachtung der Menschen

Doch Steffen Kopetzkys "Harzreise" ist keine Wegbeschreibung mit Gastrotipps und historischen Einlagen. Der Autor hat nicht nur die Route, sondern auch das Konzept Heines übernommen: Es geht ihm um die Menschen. Mit wachem Blick und offenem Herzen nähert sich der Wander-Erzähler Landschaft und Menschen, beobachtet, fragt nach und beschreibt, ohne zu werten.

Schwurbelnde Rentner, Ausländerfeindlichkeit, Politikverdrossenheit: Das sind aktuelle Probleme, wie es sie überall gibt. Gleichzeitig scheint die Zeit im Harz stehengeblieben: Es gibt tatsächlich noch Internetcafés und Hotels mit Raucherzimmern und Kegelbahnen, mit Kreditkarte zahlen kann man hingegen fast irgendwo. Doch gerade deshalb ist Kopetzkys "Harzreise" ein sehr gegenwärtiger Text: So ist er, der Harz 2025!

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Zug der Harzer Schmalspurbahn inmitten abgestorbener Fichten. Im Hintergrund der Brocken.

Kopetzkys "Harzreise" wirft ein Schlaglicht auf Deutschland an einem strategisch interessanten Ort: Hier treffen Ost und West aufeinander – und haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen: Bevölkerungsschwund, Strukturschwäche, geringe Kaufkraft, aussterbende Innenstädte. Immer wieder findet sich der Autor vor geschlossenen Gasthäusern in menschenleeren Ortszentren. "Die demografische Veränderung, die in Deutschland passiert, ist im Harz zu sehen wie kaum woanders. Natürlich ist der Menschenschlag einerseits ganz freundlich, andererseits merkt man schon auch, manche machen sich Sorgen, wie es weitergehen soll."

Bevölkerungsschwund und Tourismus

Landschaft, Geschichte, Menschen, Sagen, Technik: Alles ist in diesem Text miteinander verwoben. Kopetzky erklärt Sprichwörter, Ortsnamen und Bergbaubegriffe, erzählt die wichtigsten Sagen der Gegend und weiß auch, warum es gerade im Harz vor Hexen, Teufeln und Rittern nur so wimmelt: Die schroffe Natur und der frühe Bergbau machten den Menschen Angst und mussten in Geschichten gebändigt werden. Quasi nebenbei erfährt man auch so einiges über Heinrich Heine, über sein sorgloses Verhältnis zur Sittlichkeit, aber auch über den Antisemitismus, unter dem er zu leiden hatte.

Kurz gesagt: Falls Sie Heines Harzreise noch nicht gelesen haben – das kann jetzt auch noch warten. Lesen Sie zuerst Kopetzky!

Steffen Kopetzky: "Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung", Rowohlt Berlin 2026.

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Steffen Kopetzky: Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung

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