Strafrecht, Staatsrecht, Zivilrecht: Annelies aus der Schweiz arbeitet sich gerade durch eine juristische Weiterbildung. Ihre Kommilitonen sehen in den Skripten Diagramme, Statistiken, farbige Grafiken. Annelies sieht nichts davon – sie ist blind.
ChatGPT: "Der absolute Game Changer"
Ihr Hilfsmittel: ChatGPT. "Ich sehe das als einen Praktikanten, einen Assistenten, der Aufgaben erledigt, die für mich selbst entweder zu viel Zeit in Anspruch nehmen oder die für mich als blinde Userin unmöglich zu bewältigen sind", erzählt sie in einem Interview mit "Der KI-Podcast" von BR24 und SWR. Konkret lässt sich Annelies Bilder, Grafiken und Statistiken aus ihren Skripten von ChatGPT beschreiben und einordnen – Inhalte, die sie ohne sehende Hilfe nicht erfassen könnte. "Für mich ist das ein absoluter Game Changer", sagt Annelies.
Annelies ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen mit Sehbehinderung nutzen Künstliche Intelligenz, um Barrieren abzubauen und Benachteiligungen auszugleichen.
Eine digitale Welt voller Barrieren
Blinde Menschen navigieren Computer in der Regel mit einem "Screenreader" – einer Software, die Bildschirminhalte vorliest. Das funktioniert, solange Entwickler ihre Apps und Websites korrekt programmieren. Aber oft tun sie das nicht.
Ein Beispiel: "Du gehst auf irgendeine Website, du füllst irgendein Formular aus, nimmst dir eine Stunde Zeit (...) und jetzt kommst du zu diesem Punkt "Abschicken", aber für mich ist dieser Button gar nicht zu sehen. Oder er ist zwar da, aber ich kann ihn nicht anklicken." So beschreibt Per Busch das Problem. Er ist mit 24 Jahren vollständig erblindet. Auf seiner Website dubistblind.de (externer Link) setzt er sich seit Jahren für digitale Barrierefreiheit und Fernassistenz ein.
Ein weiteres Problem: Updates. "Für sehende Menschen macht ein Update meistens die Sache besser", erklärt Busch. "Für blinde Menschen kann es sein, dass du eine App auf einmal nur noch ganz schwer benutzen kannst, teilweise gar nicht mehr."
🎧 Wie verändert KI unser Leben? Und welche KI-Programme sind in meinem Alltag wirklich wichtig? Antworten auf diese und weitere Fragen diskutieren Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub jede Woche in "Der KI-Podcast" – dem Podcast von BR24 und SWR.
Ein Werkzeug statt tausend
Schon vor den großen Sprachmodellen wie ChatGPT gab es durchaus KI-gestützte Hilfsmittel für blinde Menschen. Doch jedes dieser Tools konnte in der Regel nur eine Sache. "Ich hab auch keinen Bock, 1.000 Hilfsmittel und Geräte gleichzeitig einzusetzen", meint Annelies. "Wenn ich das mit den Studienunterlagen alles einfach an einem Ort habe, dann ist das natürlich unglaublich praktisch."
Genau hier sehen viele nun den Durchbruch: Moderne KI-Systeme bündeln viele Fähigkeiten an einem Ort. Für Annelies sind sie gleichzeitig Bildanalyst, Zusammenfasser, Tutor und Prüfungsvorbereiter. "Es macht echt Spaß. Wenn man das richtig macht, hat man einen echten Sparringspartner, der einen richtig herausfordert", sagt sie.
Andere Blinde nutzen KI-Assistenten, um schlecht programmierte Websites zu bedienen, sie bauen sich mit KI-Agenten eigene barrierefreie Webauftritte oder nutzen smarte Brillen mit eingebauter Kamera, die in Echtzeit ihre Umgebung beschreiben können.
Wenn Halluzinationen gefährlich werden
Trotzdem ist die KI kein Allheilmittel – besonders, wenn die KI einmal Fehler macht. "Wenn ich als Blinder ein Problem lösen will, dann geht es ja dabei nicht um eine Freizeitaktivität, sondern ich will tatsächlich ein echtes, reales Problem lösen", meint Per Busch. "Und da ist es total wichtig, dass ich mich drauf verlassen kann, was die KI da halt sagt."
Auch hier machen die KIs zwar Fortschritte – aktuelle Modelle sind deutlich verlässlicher als ältere, und mit den richtigen Prompts werden die Ergebnisse besser. Trotzdem könnte die Zukunft hier in der Kombination von menschlicher und künstlicher Intelligenz liegen. Im Bereich der Fernassistenz gibt es bereits Dienste, bei denen die KI eine Bildbeschreibung liefert und ein geschulter Mensch dann das Ergebnis kontrolliert.
Warum wir alle profitieren können
Digitale Barrierefreiheit ist kein Nischenthema: Denn Lösungen, die für Menschen mit Einschränkungen entwickelt werden, machen am Ende das Leben aller einfacher. Fachleute nennen das den "Curb Cut Effect" – benannt nach den abgesenkten Bordsteinkanten, die für Rollstuhlfahrer eingeführt wurden und heute auch Eltern mit Kinderwagen, Radfahrern und Lieferanten helfen.
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