Es ist Silvester, die Korken knallen, und jemand fragt ChatGPT: "Welches Jahr haben wir?" Die Antwort könnte enttäuschend ausfallen. Denn der populärste Chatbot der Welt hat ein Problem: Er weiß nicht, welches Datum wir haben.
In der Praxis zeigt sich dieses Phänomen immer wieder: Regelmäßig behaupten Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Le Chat, es sei noch Anfang 2025, oder sogar 2024. Neuere Informationen verstehen die Chatbots oft sogar als "fiktive" oder "spekulative" Entwicklungen. Aber wenn die KI nicht einmal das Datum kennt, welche anderen Informationen sind dann noch falsch?
Leben in einer Blase aus Wörtern
Die Erklärung liegt in der Art, wie Sprachmodelle funktionieren. ChatGPT wurde mit Unmengen von Texten trainiert – aber diese Texte haben ein Ablaufdatum. Dieses aktualisiert sich zwar auch immer wieder – bleibt aber immer in der Vergangenheit zurück. Echtzeit-Updates gibt es nicht.
Ein anschauliches Beispiel: Fragt man ChatGPT "Wer ist der aktuelle Papst?" und verbietet ihm die Internetsuche, antwortet er selbstbewusst: Papst Franziskus, seit dem 13. März 2013 im Amt. Das Problem: Franziskus ist im April 2025 verstorben. Sein Nachfolger Leo XIV. wurde im Mai 2025 gewählt. Erst, wenn der Bot im Internet suchen darf, liefert er die korrekte Antwort. Ohne Websuche ist das Modell in seiner Trainingswelt gefangen – und dort lebt Franziskus noch.
Ohne die Möglichkeit, im Internet zu suchen, ist sich ChatGPT sicher: Franziskus ist der aktuelle Papst – er starb aber im April dieses Jahres.
Erst mit der Möglichkeit, aktuelle Informationen im Internet zu suchen, gibt ChatGPT richtig wieder: Der aktuelle Papst ist Leo XIV.
Unterhaltungen starten mit ChatGPT bei null - und zwar immer
Doch das Problem geht tiefer. ChatGPT hat schlicht keine eingebaute Uhr, keinen Kalender, keine Verbindung zur Außenwelt. Sie können zwar die Uhrzeit "nachschauen", aber sie haben keinen echten Zeitbezug. Das kann noch zu anderen kuriosen Phänomenen führen: Etwa, dass die KI behauptet, sich "in 20 Minuten" zurückzumelden. Das ist jedoch unmöglich. Auch wenn Chatbots menschenähnlich wirken, gibt es für sie keine Zeit. Die KI "existiert" nur in dem Moment, in dem sie gerade Wörter generiert. Zwischen den Antworten ist auch kein Leerlauf – sondern gar nichts.
Besonders deutlich wird das beim Wechsel zwischen Chat-Sitzungen. Wenn man im Dezember mit ChatGPT etwas bespricht und im Januar einen neuen Chat öffnet, hat das Modell keine Ahnung, dass Wochen vergangen sind. Es erinnert sich nicht an frühere Gespräche, es spürt keinen Zeitablauf. Jede Unterhaltung beginnt bei null.
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Ist das ein Problem?
Das fehlende Zeitgefühl ist mehr als eine technische Kuriosität. Es berührt die Frage, wie verlässlich KI-Assistenten wirklich sind. Wenn ChatGPT nicht weiß, welches Jahr wir haben, wie aktuell sind dann seine Ratschläge zu Politik, Wirtschaft oder Gesundheit?
Interessanterweise sehen manche Experten die Begrenzung auch als Vorteil. Würde der Bot ständig die aktuelle Zeit in seine Antworten einfließen lassen, könnte das den begrenzten Kontext überlasten. Der virtuelle "Schreibtisch" würde schnell überlaufen.
Für uns Nutzer bedeutet das: ChatGPTs Antworten sind immer eine Momentaufnahme seines Trainingsstandes. Das Modell lebt in einer Art ewiger Gegenwart – einer Gegenwart, die in der Vergangenheit eingefroren wurde. Wer also heute Nacht um Mitternacht ChatGPT fragt, ob es ein frohes neues Jahr wünscht, sollte nicht überrascht sein, wenn die Antwort etwas daneben liegt. Die KI feiert nicht mit. Sie weiß ja nicht mal, dass Party ist.
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