Wer die Website jmail.world öffnet, sieht zunächst etwas ganz Normales: einen Posteingang wie bei Gmail, dem E-Mail-Dienst von Google – die vertraute weiße Oberfläche, das Stern-Symbol zum Markieren. Nur das Profilbild ist ein anderes. Und oben rechts steht: "Hi! Jeffrey".
Der Posteingang gehört Jeffrey Epstein – dem Finanzier und verurteilten Sexualstraftäter, dessen Netzwerk aus Macht, Geld und Missbrauch die Welt bis heute beschäftigt. Seit November 2025 veröffentlicht das US-Justizministerium Millionen Seiten aus seinen Akten. Und während professionelle Investigativ-Teams wie die von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" sich durch den Datenberg arbeiten, haben im Netz längst ganz andere Akteure begonnen, die Dokumente aufzubereiten – mit KI, mit Code und mit einer gehörigen Portion Kreativität.
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In fünf Stunden zum viralen Projekt
Hinter "Jmail" stecken Riley Walz, ein Internet-Künstler, und Luke Igel, CEO eines KI-Start-ups – beide aus San Francisco. Als der US-Kongress die Veröffentlichung der Epstein-Akten beschloss, setzten sich die beiden an einem Mittwochabend um 21 Uhr an die Arbeit. Um ein Uhr morgens waren sie fertig.
Tatsächlich waren die E-Mails zuvor bereits öffentlich – aber kaum lesbar. Sie enthielten tausende schlecht gescannte PDFs, aber kein Suchsystem. "Jmail" packte die Rohdaten in eine Oberfläche, die jeder kennt. Igel erklärte dem Magazin "Rolling Stone": "Wir stellten fest, dass es die Leute viel härter trifft, wenn wir einfach das 2025er Gmail nehmen."
Ein ganzes Epstein-Universum
"Jmail" ist bei weitem nicht allein. Inzwischen wurden längst viele andere Apps und Websites im Epstein-Stil geklont: Es gibt "JPhotos" für Beweisfotos, "JFlights" für Flugrouten, "Jamazon" für Bestellungen, "Jikipedia" als Wikipedia-Parodie zu Personen aus Epsteins Umfeld.
Und eine lose Gruppe von Privat-Entwicklern kümmert sich darum, dass immer Nachschub an Informationen besteht: "EpsteinExposed" verarbeitet 1,6 Millionen Dokumente mit einem interaktiven Netzwerkgraph über 1.400 Personen. "EpsteinVisualizer" nutzt KI zur automatischen Auswertung und zeigt über 19.000 Akteure und 107.000 Beziehungen. "IndexOfEpstein" bietet eine 3D-Umgebung, bei der Nutzer virtuell über Epsteins Insel navigieren.
Hinter fast allen Projekten steckt ein ähnliches Muster: Kleine Teams setzen KI-Werkzeuge ein, um Aufgaben zu bewältigen, für die früher ganze Redaktionen nötig gewesen wären.
Auf Reddit wurde der Subreddit r/Epstein zur Recherche-Zentrale. Der US-Kongressabgeordnete Maxwell Frost postete dort im Februar 2026 und bat die Community, ihm Dokumente für seinen Besuch beim Justizministerium zu benennen – 30.000 Upvotes folgten.
Wenig Privatsphäre für die Opfer
Doch die technische Aufbereitung durch das Internet hat eine erhebliche Kehrseite. KI-generierte Fälschungen verbreiteten sich rasant – ein manipuliertes Bild von New Yorks Bürgermeister als Kind neben Epstein ging millionenfach viral.
Und gerade einige der Epstein-Opfer sind nicht glücklich über die Entwicklung: Anwälte einer Vereinigung von 200 Epstein-Opfern nannten die Veröffentlichung der Epstein-Files durch das Justizministerium "die schlimmste einzelne Verletzung der Privatsphäre von Opfern an einem einzigen Tag in der Geschichte der Vereinigten Staaten". Mindestens 43 Opfernamen wurden nicht geschwärzt. Und nun stehen diese Namen frei verfügbar im Netz – und Tools wie "Jmail" machen sie nur noch zugänglicher.
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