Was lange währt, wird endlich gut: Seit mindestens 15 Jahren, seit Jürgen Klopp den BVB per "Heavy-Metal-Fußball" zur Deutschen Meisterschaft gecoacht hat, schwebte über Klopps Kappe stets das Schicksalhafte: Bundestrainer in spe. Nun ist der Wartestand beendet und Klopp empfängt erstmals als Bundestrainer seine Nationalspieler in Herzogenaurach.
Klopp umschifft Konflikt: "Hätte den Laden auseinandergenommen"
Die 15 Jahre Wartezeit, das hatte Klopp bei seiner Kaderbekanntgabe gesagt, hatten geholfen, den Job als Bundestrainer ausführen zu können. "Wenn ich als Trainer in Mainz gewusst hätte, was in Liverpool auf mich zukommt, hätte ich direkt hingeschmissen", erklärte Klopp da und führte aus, dass nun seine Zeit in Liverpool ihn auf das Amt als Bundestrainer vorbereitet habe. Er implizierte damit, dass dies nun die bislang schwierigste Aufgabe seiner Karriere sei.
Es ist wohl diese Erfahrung, die es Klopp ermöglicht, seinem ersten Konflikt als Bundestrainer aus dem Weg zu gehen: "Wenn man mir gesagt hätte, wir treffen uns montags und der erste Termin mittags ist ein Fotoshooting, dann hätte die junge Version von mir den Laden auseinander genommen", sagte der 59-Jährige und erklärte, er würde nun seine Maßnahmen um diesen Termin herumbauen.
Trotz XXL-Kader: Kein Platzmangel in Herzogenaurach
Auch die schon in der Woche zuvor sehr ungewöhnliche Maßnahme, 44 Spieler und damit so viele wie noch kein Bundestrainer vor ihm zu berufen, dürfte auch aus dem Selbstbewusstsein gereift sein, das einem erfahreneren Startrainer wohl immanent ist.
Von diesen 44 Spielern waren allerdings am Montag erstmal nur etwas mehr als die Hälfte der Spieler angekommen. Viele von ihnen werden nach den ersten beiden Länderspielen unter Klopp wieder abreisen und dann deren Zimmer im - durch den altersweisen Bundestrainer nicht zerlegten - Homeground in Herzogenaurach einnehmen. Über zu wenig Platz auf dem Trainingsgelände, zu wenig Übersicht oder zu wenige Betten braucht man sich also keine Sorgen machen.
Karl und Adeyemi tauschen Plätze
Der FC-Bayern-Profi Lennart Karl muss kurzfristig seine Reisepläne ändern. Der Wahl-Münchner wird vom gebürtigen Münchner Karim Adeyemi (FC Barcelona) in den Nations-League-Spielen am Donnerstag (24. September, ab 20.45 live in der Radioreportage auf BR24Sport) in Amsterdam gegen den Erzrivalen Niederlande und drei Tage später in Augsburg gegen Griechenland ersetzt. Karl übernimmt dann den Platz von Adeyemi für die Spiele gegen Serbien am 1. Oktober in München und das Rückspiel gegen Griechenland in Thessaloniki am 4. Oktober. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) begründete den Tausch mit einer Belastungssteuerung.
Klopp bittet um Geduld: "Brauchen Zeit"
Für die vier Spiele verspricht Klopp nicht allzu viel. "Ich kann nicht versprechen, dass wir die nächsten vier Spiele gewinnen. Ich wäre schon happy, wenn man uns ansieht, dass wir es wirklich wollen", sagte Klopp. Nach dem dritten WM-Debakel in Serie sind die Ansprüche beim viermaligen Weltmeister bescheidener geworden. Doch Klopp will wieder für Aufbruchstimmung sorgen. "Es ist hier eine ganz hohe fußballerische Qualität, aber jetzt müssen wir erst einmal über die Art und Weise kommen", sagte Klopp und bat um Geduld: "Wir brauchen Zeit."
Zeit, die sich Klopp auch nehmen kann, da die Nations-League-Partien noch nicht als EM-Qualifikationsspiele zählen, lediglich über einen Umweg könnte sich das DFB-Team auch über die Nations League für die EM qualifizieren, aber eben nicht direkt. Erst am 6. Dezember werden die Quali-Gruppen für das nächste Großevent, das erste unter der Führung Klopps, ausgelost.
"Kann im Chaos enden" - Klopp erwartet wilden Start
Die nominierten Spieler dürfen sich allerdings nicht allzu viel Geduld seitens ihres neuen Chefs erwarten. Das hat der bereits klargemacht. Wenn Klopp am Dienstagnachmittag zur ersten gemeinsamen Trainingseinheit bittet, erwartet er vollen Einsatz. "Wir werden alles versuchen, um eine neue Herangehensweise sichtbar zu machen", versicherte Klopp.
Er erwarte "sofort mehr". Dabei könne es auch "etwas wild werden", was wiederum "manchmal in Chaos enden" könne. "Lebendig muss es sein", sagte Klopp. Trotz zunehmender Erfahrungen: Seine Vorliebe für "Heavy-Metal-Fußball" und organisiertes Chaos wird er auch als DFB-Coach nicht ablegen. Aus diesem Grund sehnten sich viele deutsche Fußballfans seit nunmehr fünfzehn Jahren nach diesem neuen Bundestrainer.
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