Nach dem frühzeitigen Aus bei der Fußball-WM war der Schuldige für viele schnell gefunden: Bundestrainer Julian Nagelsmann. Der gebürtige Landsberger schloss nach Abpfiff einen Rücktritt aus. Der Druck auf Nagelsmann wächst unterdessen, viele Experten sprechen sich gegen den ehemaligen FCB-Coach aus.
DFB-Präsident Neuendorf kündigt Nagelsmann-Gespräche an
Für DFB-Präsident Bernd Neuendorf war nach der Rückkehr ins Teamquartier klar, man könne "nach so einem Turnier nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", so Neuendorf. "Wir müssen darüber sprechen, was die Gründe waren für das erneute frühe Ausscheiden bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, das uns alle zutiefst bewegt." Gleichzeitig kündigte er eine Analyse in den kommenden Tagen an. "Wir werden darüber sprechen, warum es uns nicht gelungen ist, unser Potenzial abzurufen, was durchaus vorhanden ist."
Im Video: DFB-Präsident Bernd Neuendorf
DFB-Präsident Bernd Neuendorf
Schweinsteiger erkennt verdientes WM-Aus
Auch für ARD-Fußball-Experte Bastian Schweinsteiger war das WM-Aus verdient: "Das Passspiel war nicht sauber. Es fehlte die Kreativität, die man bei einer Weltmeisterschaft braucht", analysierte der ehemalige FCB-Profi. "Dadurch ist es schwer, sich Torchancen herauszuspielen. Gerade gegen Mannschaften, die sehr tief stehen. Der 41-jährige Weltmeister zeigte sich enttäuscht vom Auftreten der deutschen Mannschaft.
Bastian Schweinsteiger
Hummels: "Deutschland spielt im Fußball keine Rolle"
Sein Mitstreiter beim Triumph 2014, Mats Hummels, fand klare Worte: "Es ist wirklich schade, wie viele Turniere wir, teilweise auch mit mir, als Deutschland in den Sand gesetzt haben. Es ist eine herbe Enttäuschung, es ist nah an peinlich. Es tut weh, dass Deutschland im Fußball aktuell keine Rolle spielt." Zudem kritisiert er auch die Qualität in der Mannschaft."Es fehlt an mehreren Ecken, es fehlt die individuelle Klasse auf den meisten Positionen. Auf ganz wenigen haben wir sie. Es fehlt eine Resilienz, es fehlt dieses unbedingt gewinnen Wollen."
Matthäus sieht zu viele Themen abseits des Rasens
Rekordnationalspieler und Ex-FC-Bayern-Profi Lothar Matthäus hatte einen Erklärungsansatz für die fehlende Mentalität: "Es gab viele Themen, die vielleicht wichtiger waren als das auf dem Fußballplatz", sagte der Weltmeister von 1990 der "BILD" und meinte unter anderem die Präsenz der Familien der Spieler in den USA. "Ich weiß nicht, warum man jetzt schon von Anfang an die ganzen Familien dabeihaben muss", sagte der Franke.
Ähnlich äußerte sich auch BR24Sport-Reporter Bernd Schmelzer, der sich ebenfalls am fehlenden Fokus der DFB-Kicker störte. Ursache sei für ihn auch die Trainingsgestaltung gewesen. "Man hätte ein bisschen mehr den Fokus auf den Sport legen sollen. Zwei Tage trainingsfrei nach einem Spiel waren aus meiner Sicht viel zu viel, weil man aus dem Rhythmus kommt."
Klinsmann fordert nach WM-Debakel: "Alles muss hinterfragt werden"
Nagelsmanns Vor-Vor-Vorgänger Jürgen Klinsmann bezeichnete das deutsche WM-Aus gegenüber "ESPN" als "ein sehr trauriger Tag für uns alle in Deutschland". Konkret angesprochen auf Bundestrainer Julian Nagelsmann sagte Klinsmann: "Die Verantwortung liegt bei allen - vom Trainerstab über den Verband bis hin zu jedem einzelnen Spieler. Jeder hat seinen Teil zu diesem Desaster beigetragen." Alles müsse nun auf den Prüfstand gestellt werden, forderte der 61-Jährige. "Alles, von oben bis unten, muss hinterfragt und diskutiert werden."
Gaudino tadelt Nagelsmann: "Demut hätte gut getan"
Auch Maurizio Gaudino sieht das Problem tieferliegend als nur in der Nationalmannschaft. Der Ex-Nationalspieler forderte Veränderungen in der Nachwuchsarbeit. "Wie wird unser Nachwuchs gesteuert, wie kann man sie hungriger machen", seien konkrete Fragestellungen. Das Auftreten von Bundestrainer Nagelsmann nach Abpfiff missfiel dem Nahe München lebenden Ex-Profi: "Da fehlt mir komplett die Demut." Nagelsmanns Bereitschaft, weitermachen zu wollen, halte er für das falsche Signal, sagte er dem BR.
Könnte Jürgen Klopp Julian Nagelsmann als Bundestrainer ablösen?
Namen für eine mögliche Nachfolge Nagelsmanns gibt es genügend. Als Favorit gilt Jürgen Klopp, der Medienberichten zufolge bereitstünde, sofern der DFB anrufe. Doch Schweinsteiger fordert Respekt für Nagelsmann: "Solange es keine Veränderung gibt, sollten wir nicht über den Namen Jürgen Klopp oder andere als Bundestrainer sprechen."
Schweinsteiger sagt aber auch: "Jürgen Klopp ist natürlich ein exzellenter Trainer, der mit Sicherheit auch den Wunsch hat, mal Bundestrainer zu werden. Ich glaub auch, dass er in den engeren Kreis kommen würde, falls Julian Nagelsmann nicht mehr Bundestrainer sein sollte."
Im Video: Ex-Nationalspieler Gaudino im BR-Interview
Maurizio Gaudino
Im Video: BR-Kommentator Bernd Schmelzer zum WM-Aus
Bernd Schmelzer
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