Nach Ansicht des früheren Weltmeisterkapitäns Philipp Lahm muss nach dem WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft vieles auf den Prüfstand. "Natürlich ist es so, wenn Deutschland dreimal hintereinander nicht das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft erreicht, dass man sich Gedanken über alle machen und hinterfragen muss", sagte der langjährige Nationalspieler bei der BMW International Open der Golfer. Er sei "nie so fassungslos" gewesen wie bei diesem Aus im Elfmeterschießen der ersten K.-o.-Runde gegen Paraguay.
Auch Ex-DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der nach dem Gruppenphasen-Aus 2022 zurücktrat, hat die jüngste Blamage noch nicht verarbeitet. "Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir jetzt wieder diese Schwierigkeiten hatten", sagte Bierhoff in Eichenried bei München gegenüber BR24Sport.
Lahms Fragestellung: Wie wollen wir in Zukunft Fußball spielen?
"Ich glaube, das Wichtigste im Fußball ist Kontinuität. Das andere ist, man braucht eine Idee, wie man agieren will. Und ich glaube, das hatten wir eine lange Zeit, aber jetzt auch eine lange Zeit schon nicht mehr", kritisierte Lahm in Eichenried bei München. Man müsse sich Gedanken machen, wie man offensiv und defensiv agieren wolle.
"Wenn man dann auch sieht, dass alle drei Mannschaften, die aus unserer Gruppe weitergekommen sind im Sechzehntelfinale schon ausgeschieden sind, spricht das nicht für unsere Gruppe", sagte Lahm. "Deswegen muss man sich in Zukunft eher, oder in erster Linie, Gedanken machen, wie wollen wir eigentlich als Deutschland Fußball spielen."
Bierhoffs Befürchtung: "Es wird lange dauern"
Lahms ehemaliger Teamchef Bierhoff sieht es ähnlich. An eine schnelle Besserung glaubt er nicht. "Ich glaube, da kommst du nicht von heute auf morgen raus. Natürlich kannst du durch Motivation und auch durch einen gewissen Spirit, den du wieder entwickelst, Dinge auffangen. Aber es wird auch eine Zeit lang dauern." Der Siegtorschütze der EM 1996 sieht vor allem Defizite in der Nachwuchsarbeit. Er habe schon 2017 angesprochen, "dass wir Probleme in der Jugendarbeit haben, dass wir weniger Ausnahmespieler hervorbringen, und da muss man halt wieder eine Ausbildung ansetzen."
Im Video: Oliver Bierhoff im BR24sport-Interview
Oliver Bierhoff
Lahm: Blick nach Spanien, Frankreich und Argentinien
Philipp Lahm regte den Blick auf die Topnationen an. "Wenn ich nach Spanien schaue, wenn ich nach Frankreich schaue, wenn ich nach Argentinien schaue, was sicher die Top-Nationen aktuell gerade sind, dann sehe ich, wie die seit Jahren eine Spielweise haben", sagte der 42-Jährige, der im Norden von München über ein gemeinsames Projekt zwischen dem Golfturnier und der Philipp-Lahm-Stiftung zugunsten von Kindern sprach.
Bei der Aufarbeitung des WM-Debakels müsse man schauen, welche Spielweise und Idee man künftig als Deutsche Fußball-Bund verfolgen wolle. "Und danach muss man sich entscheiden: Ist der Trainer oder das Trainerteam, das aktuelle, richtig da? Kann man den Weg mit ihnen gehen, oder muss ein Tausch her? Das wird aber der DFB dann entscheiden", sagte Lahm. Am Freitag trat Bundestrainer Nagelsmann von seinem Posten zurück.
Bierhoff über mögliche Nagelsmann-Nachfolge: "Klopp muss Nummer eins sein"
Für Oliver Bierhoff war schon zuvor klar: "Sollte Julian Nagelsmann aufhören, muss Jürgen Klopp die Nummer ein oder die erste Wahl sein." Der ehemalige Liverpool-Coach habe "die Fähigkeiten, das Ding hier wieder nach vorne zu treiben", ist sich Bierhoff sicher.
Selbst eingreifen will Lahm derzeit nicht. Angesprochen auf eine mögliche Rolle als DFB-Funktionär erklärte Lahm: "Aktuell bin ich nicht auf der Suche nach irgendeiner Aufgabe. Man sollte nie was ausschließen, ist ja außer Frage, aber aktuell passt mein Leben so, wie es ist."
Im Video: Philipp Lahm über deutsches WM-Aus und die Folgen
Der frühere FC-Bayern-Kapitän Philipp Lahm


