Serge Gnabry nahm den Ball im Strafraum des 1. FC Köln am Mittwochabend an, der Angreifer des FC Bayern München legte ihn sich einmal vor und dann folgte sein Geniestreich: Aus spitzem Winkel schoss er die Kugel aus der Luft wuchtig auf den Rasen, von dort flog diese über den Kölner Keeper Marvin Schwäbe hinweg ins Tor. Es war dies das Münchner Tor zum 1:1, am Ende siegten sie 3:1 und stellten einen neuen Bundesliga-Rekord nach der Hinrunde auf, kein Team war jemals so stark wie die Kompany-Bayern mit 47 Punkten und 66:13 Toren.
Armada von Münchner Angreifern fordert die Bundesliga
Gnabry, der nach einer Erkrankung frisch in die Startelf gerückt war, ist nur einer von so vielen Münchner Offensivkünstlern, die aktuell zu solchen Geistesblitzen in der Lage sind. Und das ist das große Problem der Fußball-Bundesliga: Eine Armada von Münchner Angreifern ballert die Liga gerade auseinander.
"Man muss ihnen die Daumen drücken, dass sie international erfolgreich sind, weil national ist das Ding ja eh durch", sagte der Kölner Trainer Lukas Kwasniok im Sportschau-Interview.
101 Tore? Uralt-Rekord aus der Müller-Maier-Beckenbauer-Ära wackelt bedenklich
Die Münchner bestimmen die Liga so sehr, dass neben dem Hinrunden-Rekord auch lange unangetastete Bestmarken wackeln. Mit 66 Toren schließen die Bayern die Hinrunde ab, vorheriger Rekord: 56 Tore. 101 Treffer schafften die Bayern der Müller-Maier-Beckenbauer-Ära in der gesamten Saison 1971/72. Diese Bundesliga-Bestmarke scheint nun äußerst bedroht.
Der Schlüssel des Erfolgs: Nicht nur der 20-Tore-Mann Harry Kane ist ein Torgarant unter Trainer Vincent Kompany, sondern alle Offensivspieler der Münchner. Was auch daran liegt, dass Kane fernab seiner Tore sehr mannschaftsdienlich spielt.
Wenn Kane von zwei Spielern gedeckt wird, steht ein Weltklasse-Fußballer frei
Und wenn der so treffsichere Mittelstürmer Harry Kane mal von zwei Spielern gedeckt wird, steht ein anderer Weltklasse-Fußballer frei. Hinter Kane folgen Michael Olise und Luis Diaz (je neun Tore), Gnabry (5), Lennart Karl (4) und Nicolas Jackson sowie Raphael Guerreiro (je 3). Im Gegensatz zur Vorsaison hat der FCB seinen Kader quantitativ zwar abgespeckt, ihn qualitativ aber deutlich verstärkt. So lautet zumindest das Zwischenfazit nach einer Halbserie.
Mittlerweile kann Kompany fast den gesamten Angriff von einem Spiel zum nächsten tauschen - und riskiert dabei fast keinen Qualitätsverlust. Das zeigte auch die Partie gegen Köln, in der nun Gnabry als Startspieler brillierte. Und dann der auf die Bank rotierte Karl als Einwechselspieler den Schlusspunkt zum 3:1 setzte. "Es fühlt sich an, als wären wir gar nicht weg (in der Winterpause) gewesen, wir sind sehr zufrieden im Moment", sagte Leon Goretzka.
Top-Dribbler Jamal Musiala kommt erst noch zurück
Anders als früher stört die Münchner dabei auch ein Rückstand nicht sonderlich. Fast schon in einer Bierruhe spielten sie ihr Programm herunter und schossen letztlich auch in Köln wieder drei Tore. "Im Moment schaffen wir es einfach, unserem Spiel treu zu bleiben, nicht hektisch zu werden und unser Spiel weiter aufzuziehen. Wir wissen, irgendwann geht der Raum auf", sagte Gnabry bei "RTL".
Und dabei sind mit "Wir" noch nicht einmal alle gefährlichen Offensivkräfte gemeint: Jamal Musiala hat bislang kein Saisonspiel bestritten, der Nationalspieler wird nach seinem Beinbruch bei der Klub-WM gerade ans Team herangeführt. Er hat zuletzt erste Trainingseinheiten mitgemacht und wird Kompanys Spiel mit seinen Dribblings künftig noch variantenreicher machen.
Der Coach hatte im Übrigen viel Lob für seine Spieler übrig nach der neuen Hinrunden-Bestmarke: "Ich habe es den Jungs gesagt: Es ist so unheimlich schwer, hier bei Bayern einen Rekord zu schaffen, weil diese Latte immer so hoch war", meinte er. "Aber ab morgen ist alles wieder auf Null. Das ist die erste Runde, die wir gewonnen haben und jetzt wollen wir die zweite auch gewinnen."
Kompanys wichtige Aufgabe für internationale Erfolge: Defensive stärken
Weil vorne so vieles so gut läuft, fällt auch nicht ins Gewicht, dass in der Defensive auch in dieser Saison wieder der eine oder andere Patzer dabei ist beim FCB. Gegen Köln sah Torhüter Manuel Neuer etwas unglücklich aus, als er den zentralen 16-Meter-Schuss von Linton Maina zum zwischenzeitlichen 1:0 nicht richtig abwehren konnte. In den Vorwochen erlaubten sich die Verteidiger manche Stellungsfehler.
Kompany weiß natürlich auch: Für die von Kwasniok angesprochenen internationalen Erfolge müssen die Münchner in der Rückserie ihre Defensive stärken; dass diese Titel und entscheidende Partien in Viertel- und Halbfinals gewinnt, ist im europäischen Fußball keine Floskel, sondern ein ehernes Gesetz. Wie gut für Kompany, dass auch da noch ein Weltklasse-Spieler dazukommt: der vom Kreuzbandriss genesene, pfeilschnelle Linksverteidiger Alphonso Davies.
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