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Tennisförderung: zu viel "Wohlfühloase", zu wenig Expertise?

Tennisförderung: zu viel "Wohlfühloase", zu wenig Expertise?

Deutschlands Tennis steckt in der Nachwuchs-Krise: Während Alexander Zverev an der Weltspitze mitmischt, fehlt es dahinter an Breite und Nachwuchs. Bremsen das System, fehlende Heimturniere und eine "Wohlfühloasen"-Mentalität den Aufschwung?

Über dieses Thema berichtet: BR24Sport am .

Beim ATP-Turnier in München scheiterte der beste deutsche Tennisspieler Alexander Zverev zwar im Halbfinale. Doch in der Weltrangliste hält der Hamburger weiter die Stange für das deutschen Tennis. Man muss in der Liste weit nach unten scrollen, um die nächste deutsche Flagge zu finden.

Jenseits der Top 50 stößt man auf die Namen Daniel Altmaier (Platz 57) und Yannick Hanfmann (58), dahinter kommt Jan-Lennard Struff auf Rang 81 (Stand: 21.04.2026). Bei den Frauen sieht es noch düsterer aus: Die Zeiten von Steffi Graf, Angelique Kerber und Andrea Petkovic sind schon lange vorbei. Die erste Frau aus Deutschland - Laura Siegemund - findet man aktuell auf Rang 46. Die unerfahrene deutsche Auswahl ist im Billie Jean King Cup gerade in die internationale Drittklassigkeit abgestiegen.

Alexander Zverev äußert Kritik am System

Eine Entwicklung, die auch an Zverev nicht vorübergeht: "Deutschland war immer ein sehr reiches Land, was Spieler angeht. Wir haben immer viele Top-50 und Top-100-Spieler gehabt. Das haben wir jetzt leider nicht mehr." Der Satz, den Zverev dann hinzufügt, lässt aufhorchen: "Das System steht dem Profisport in Deutschland so ein bisschen im Weg."

Boris Becker geht in dieser "System-Kritik" noch einen Schritt weiter. In seinem gemeinsamen Podcast mit Andrea Petkovic identifiziert die Tennis-Legende die Verantwortlichen für die Nachwuchsförderung im Deutschen Tennis Bund als das Problem. Die Hauptkritik: Keiner von ihnen ist ein ehemaliger Topspieler oder eine ehemalige Topspielerin. "Ich will niemandem zu nahetreten. Aber wenn ich in den Supermarkt gehe und einkaufen soll für den Abend, aber noch nie gekocht habe, weiß ich doch nicht, was ich einkaufen soll", sagte Becker.

DTB weist Vorwürfe zurück

Der DTB aber wies diese Vorwürfe jüngst zurück: Der Verband hat bereits vor einiger Zeit einen ambitionierten Plan ausgearbeitet, nach dem 2032 jeweils acht bis zehn Spieler und Spielerinnen in den Top 100 der Welt stehen sollen. Davon ist man aktuell aber noch weit entfernt. In Zukunft dürfte es sogar noch schwieriger sein, dieses Ziel zu erreichen, denkt der inzwischen fast 36-jährige Struff: "Ich finde, das Niveau ist mittlerweile unheimlich hoch. Sehr sehr viele Spieler sind deutlich fitter geworden, es ist alles deutlich professioneller geworden, alle schlagen hart, es ist schwierig, sich durchzuarbeiten."

Deutschlands Nummer zwei, Daniel Altmaier, sieht einen Lösungsansatz für dieses Problem: mehr Heimturniere. "Man sieht das an Italien", so Altmaier: "Die Leute können gefühlt acht Monate zu Hause spielen und batteln sich untereinander, das ist bei uns in Deutschland nicht der Fall. Auch wenn die Jungs 15 Turniere hätten, kann es sein, dass die auch schneller hochkommen."

Kohlschreiber: "Zu viel Wohlfühloase"

Besonders auffällig ist, wie sehr der deutsche Tennis-Nachwuchs der Weltelite hinterherhinkt: Mit dem 18-jährigen Justin Engel aus Nürnberg steht nur ein Deutscher unter 27 Jahren in den Top 200 der Welt. Für Ex-Profi Philipp Kohlschreiber, dreimaliger Turniersieger in München, hat das auch individuelle Einstellungs-Gründe: "Mir fehlt auch ein Stück weit die Mentalität, nicht nur von den Spielern, sondern auch von den Coaches, weil ich beobachte, dass in anderen Ländern einfach mehr Zug dahinter ist. Es wird nicht immer gesagt: Ah ja, heute geht es dir nicht gut, sondern da wird einfach gesagt: Hey, das ist dein Job, egal auch wenn du 13, 14 bist, du willst Profi werden. Bei uns wird da einfach ein bisschen zu viel auf diese Wohlfühloase ausgelegt."

Am Ende bleibt der Eindruck eines Systems, das sich im Umbruch befindet – und einer Generation, die ihren Platz in der Weltspitze erst noch finden muss. Zwischen struktureller Kritik, steigenden internationalen Anforderungen und Mentalitäts-Fragen steht das deutsche Tennis vor einer entscheidenden Phase. Ob die geforderten Reformen greifen und eine neue Erfolgsära einläuten können, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Bis dahin bleibt Alexander Zverev vorerst das letzte Aushängeschild einer einst so erfolgreichen Tennisnation.