Am 13. Februar 2025 ändert sich für Erhan Er alles. Der Afghane Farhad N. fährt mit einem Auto in eine Demonstration der Gewerkschaft ver.di in der Münchner Innenstadt. Zwei Menschen sterben, Erhan Er und 43 weitere werden teils schwer verletzt. Auf seinem Handy hat er Videos gespeichert, die Betroffene aufgenommen und später untereinander geteilt haben. "Da ist er, schau, der Täter, da wird er weggetragen", sagt Erhan Er. Und "das bin ich …", kommentiert er. Deutlich zu sehen sind nicht nur weitere Opfer, sondern auch, dass Erhan Er humpelt.
Anschlagsüberlebende mit finanziellen Einbußen
Erhan Er, Angestellter der Stadt München, war an diesem Tag auf der Straße, um für mehr Gehalt zu demonstrieren, doch danach muss er für lange Zeit mit rund 1.000 Euro weniger monatlich auskommen.
Denn nach dem Anschlag wird bei Erhan Er eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Er kann nicht mehr arbeiten. Nach sechs Wochen endete die reguläre Lohnfortzahlung. Danach erhält er Krankengeld von der Krankenkasse – rund 30 Prozent weniger als sein früheres Nettoeinkommen. 30 Prozent weniger Geld zum Leben. So geht es einigen Opfern des Anschlags.
Soziale Entschädigung für Opfer
Bei Terroranschlägen, Gewalttaten oder Naturkatastrophen haben Geschädigte Anspruch auf staatliche Unterstützung nach dem Sozialgesetzbuch XIV. Zu den Leistungen zählen etwa:
- Abgestufte monatliche Entschädigungszahlungen nach dem Grad der Schädigungsfolgen
- Heilbehandlungen
- Betreuung in Trauma-Ambulanzen
- Reha-Maßnahmen
- Hinterbliebenenrenten
Ein Blumenstrauß zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf die Verdi-Demo im Februar 2025.
Anlaufstelle Zentrum Bayern Familie und Soziales
In Bayern ist für Menschen wie Erhan Er das Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) in Regensburg die zentrale Anlaufstelle. Dort werden Fälle von Geschädigten bearbeitet. Dazu zählen nicht nur Großschadenereignisse im Freistaat, sondern auch Vorfälle außerhalb Bayerns – bis hin zu Taten im Ausland –, durch die Menschen aus Bayern zu Opfern geworden sind.
Sogenannte "Fallmanager" beraten und begleiten Geschädigte, erklärt Vizepräsidentin Kerstin Wimmer: "Wo geh ich hin, wer unterstützt mich, welchen Antrag muss ich stellen, wie komme ich an Hilfe?" Damit finanzielle Entschädigung fließen kann, müssen Betroffene selbst aktiv werden und einen Antrag stellen – das gilt auch für Selbständige, die nicht gesetzlich krankenversichert sind, erklärt Thomas Kerner, der beim ZBFS den Fachbereich soziale Entschädigung leitet.
"Krankengeld der sozialen Entschädigung" kann finanzielle Löcher stopfen
Wird einem Antrag stattgegeben, dann fließt das sogenannte "Krankengeld der sozialen Entschädigung." Das, so Kerner, sei etwas höher als das normale Krankengeld: "Wir übernehmen dann auch die Sozialversicherungsbeiträge ganz. Das heißt unter dem Strich: Es bleibt sehr wahrscheinlich eine Lücke, aber sie ist deutlich kleiner als beim normalen Krankengeldbezug."
Auch Erhan Er hat hier einen Antrag gestellt, nachdem sein Arzt die posttraumatische Belastungsstörung festgestellt hatte. Kürzlich hat das Zentrum Bayern Familie und Soziales ihm Leistungen der sozialen Entschädigung bewilligt. Für ihn ist das ein wichtiger Schritt zurück in die Normalität.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

