Der Schweizer Morteratschgletscher im Juli 2026.
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In der Schweiz ist seit 2022 fast ein Fünftel des Gletschereises weggeschmolzen. Auch in Deutschland schmelzen die letzten Gletscher rasch.
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In der Schweiz ist seit 2022 fast ein Fünftel des Gletschereises weggeschmolzen. Auch in Deutschland schmelzen die letzten Gletscher rasch.

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Gletscherschmelzen: Warum uns das berührt, aber wenig verändert

Gletscherschmelzen: Warum uns das berührt, aber wenig verändert

Gletscher werden mit Trauerfeiern und Kunstprojekten verabschiedet. Das Schmelzen von "ewigem Eis" bewegt Menschen, egal ob sie in den Bergen leben oder nicht. Aber trotzdem ändert kaum jemand seinen Lebensstil. Hat Trauern etwas mit Handeln zu tun?

Über dieses Thema berichtet: Rucksackradio am .

Der Schwarzmilzferner in Tirol gilt als der letzte Gletscher der Allgäuer Alpen. Erst vergangene Woche war wieder ein Forscherteam vor Ort, um ihn zu vermessen. Ihr Befund: Viel ist nicht mehr übrig. Allein seit dem vergangenen Jahr sei er nochmal um fast ein Drittel geschrumpft.

Und der Schwarzmilzferner ist nur ein Beispiel: Allein in Deutschland gehen Wissenschaftler davon aus, dass von den aktuell noch verbleibenden vier Gletschern wohl in spätestens zehn Jahren keiner mehr existieren wird.

Gletscher: Früher Bedrohung, heute Symbol der Trauer

In den vergangenen Jahrzehnten hätten sich die Gletscher auch zu Symbolen für den Klimawandel entwickelt, sagt die österreichische Kulturwissenschaftlerin Edith Hessenberger in einem Interview mit dem ORF. Früher hätten die Menschen Gletscher als Bedrohung wahrgenommen und "dafür gebetet, dass der Gletscher wieder zurückgehen möge", sagte Hessenberger.

Heute würden Gletscher emotional verabschiedet, "sogar beerdigt", wie 2023 die Pasterze am Großglockner. Der Schweizer Komponist Andreas Zurbriggen hat vor einigen Jahren ein "Gletscher-Requiem" komponiert, um auf das rasante Schmelzen der Gletscher seiner Heimat aufmerksam zu machen.

Der Verlust der Gletscher berühre die Menschen, sagt auch die Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk, die unter anderem an der Universität Greifswald genau zu diesem Thema forscht: Die Trauer um bestimmte Landschaften.

"Wenn sich Heimat verändert, dann tut das weh"

Es sei ganz normal, dass uns der Verlust von einem Wald oder einem Gletscher emotional mehr berührt als abstraktere Folgen des Klimawandels, wie steigende Temperaturen oder CO2-Emissionen, so Katharina van Bronswijk. Denn durch Erfahrungen wie beispielsweise eine Gletscherwanderung oder eine Tour im Hochgebirge bilde sich eine Beziehung zu bestimmten Orten, eine Art Heimatgefühl: "Und wenn sich diese Heimat verändert, dann tut es weh."

Die Trauer habe aber "nicht so die evolutionäre Funktion, uns ins Handeln zu bringen". Sondern eher "uns zurückzuziehen, uns Zeit zu nehmen". Und "eine neue Herangehensweise dafür zu entwickeln, wie lebe ich denn jetzt ohne den Gletscher". Vor allem, weil "die Kette zwischen dem, was ich tun kann, und der konkreten Rettung dieses Gletschers recht lang" sei.

Heißt das, wir können den Verlust der Gletscher zwar betrauern, aber eigentlich sowieso nichts tun? Nein, sagt Katharina van Bronswijk. Es gebe nämlich unterschiedliche Mechanismen, wie wir mit unserer Trauer umgehen können:

Gletscher-Sterben: Wie umgehen mit der Trauer?

Eine sei die emotionsorientierte Bewältigung, sozusagen Verdrängung: "Ich vermeide die Nachrichten über Gletscher und dann werde ich auch nicht traurig."

Die zweite sei die problemorientierte Bewältigung: "Ich versuche, die Quelle meiner Trauer zu beseitigen." Das führe zwar dazu, dass man Gutes tue. Aber oft auch zu Frustration, weil man als einzelne Person das Schmelzen der Gletscher nicht aufhalten könne, indem man zum Beispiel sein Konsumverhalten ändere. "Das führt dann dazu, dass Menschen verbittern, weil sie sehen, die Nachbarn fahren trotzdem weiter mit ihrem SUV, die Politik hat anders entschieden."

Dann gebe es noch die sinnorientierte Bewältigung: "Da würde ich mich fragen, was ist mir wirklich wichtig?" Man würde zum Beispiel auf Fleischkonsum oder Flugreisen verzichten, "aber nicht, um die Gletscher zu retten, sondern weil das die Art von Vermächtnis ist, die ich gerne hinterlassen würde". Das sehe nach außen zwar vielleicht dann nach demselben Verhalten aus, aber man mache es "aus einer anderen Haltung" und sei "damit auch zufriedener".

Gemeinsam handeln, statt andere beschuldigen

Was der Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk außerdem wichtig ist: Es dürfe nicht um Schulddebatten Einzelner gehen, "wer ein Schnitzel isst oder mit dem Auto gefahren ist". Denn wirklich Dinge verändern könne man eigentlich vor allem im Kollektiv. Das werde uns in unserer Gesellschaft wenig beigebracht und auch manchmal erschwert. Deshalb sollten Menschen schon früh erfahren, wie sie politisch wirksam sein können und beispielsweise in der Schule lernen, wie sich Veränderung organisieren lasse.

Und es sei auch sehr wichtig, "dass man sich erlaubt zu sagen, ich mache das an Engagement, was zu mir passt und mir Spaß macht". In dem Bewusstsein, "dass andere Menschen auch ihren Beitrag leisten müssen und das ja auch tun".

Um die deutschen Gletscher zu retten, ist es wahrscheinlich trotzdem zu spät. Aber nicht, um dafür zu sorgen, dass die Alpen auch weiterhin eine Landschaft bleiben, mit der wir emotional verbunden sind.

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